Startseite » Blog

Grammatik in der Wolke | Verben mit Dativ-Ergänzung

Grammatik in der Wolke - Lernen wie im Fluge -

Grammatik in der Wolke

Verben mit Dativ-Ergänzung

Ich habe bereits in meinem Blogbeitrag zu den Verben mit Akkusativ-Ergänzung betont, dass das Verb der Chef im Satz ist, wenn man in der deutschen Sprache einen grammatikalisch korrekten Satz bauen will. Das Verb sagt: Ich will eine Ergänzung!!!  In den meisten Fällen ist das eine Akkusativ-Ergänzung, aber es gibt eben auch andere Ergänzungen. Hier geht es nun um die Dativ-Ergänzung.

Grammatik in der Wolke -Lernen wie im Fluge- möchte mit grafischen Elementen einen Zugang zur deutschen Grammatik anbieten, der weder ein Grammatikbuch noch einen Sprachunterricht ersetzt. Es geht hier nur um ein kleines Brainstorming, einen kleinen Überblick über verschiedene Grammatikthemen. Die deutsche Grammatik zu verstehen, ist für viele Lernende schwierig, weil es in ihren Herkunftssprachen keine solch komplizierten Grammatikstrukturen gibt wie im Deutschen.

Wann brauchen wir eine Dativ-Ergänzung, um einen grammatikalisch korrekten  Satz zu bauen?

Hier nun einige Beispielsätzedas Subjekt des Satzes im Nominativ ist im folgenden rot markiert, die Dativ-Ergänzung blau〉 :

 

Verben mit Dativ-Ergänzung

Verben mit Dativ-Ergänzung

Spaghetti Bolognese schmecken meinem Mann am besten. (schmecken)

Die Lehrerin hat dem Schüler gerne geholfen. (helfen)

Leider ist dem Autofahrer ein schlimmer Unfall passiert. (passieren)

Das Kind gratuliert seiner Oma zum Geburtstag. (gratulieren)

Die Schwester ähnelt ihrem Bruder sehr. (ähneln)

Ich möchte dir gerne glauben, aber es fällt mir schwer. (glauben)

Kannst du mir bitte antworten? (antworten)

 

 

 

Verben mit Dativ-Ergänzung mit Präfix (Vorsilbe) – untrennbar

 

Untrennbare Verben mit Dativ-Ergänzung

Untrennbare Verben mit Dativ-Ergänzung

Beispielsätze:

Das Kind vertraut seinen Eltern. (vertrauen)

Die Grammatikübung ist dem Schüler gut gelungen. (gelingen)

Da muss ich dir leider widersprechen! (widersprechen)

Das rote Auto gehört der Frau mit den schwarzen Haaren. (gehören)

Hat dir der Film gefallen? (gefallen)

Auf unseren Sonntagsspaziergängen begegnen wir immer vielen Menschen. (begegnen)

 

 

 

Verben mit Dativ-Ergänzung mit Präfix (Vorsilbe) – trennbar

Trennbare Verben mit Dativ-Ergänzung

Trennbare Verben mit Dativ-Ergänzung

Viele Menschen gehen einem Hobby nach. (nachgehen)

Der Polizist rennt dem Dieb hinterher. (hinterherrennen)

Der Mann möchte einem Tennis-Club beitreten. (beitreten)

Der Prüfungsstress hat der Studentin nicht gutgetan.(guttun)

Ich stehe dir in der schwierigen Situation gerne bei. (beistehen)

Nach dem Skiunfall tut ihm das Bein immer noch weh. (wehtun)

 

 

 

Tafelbild:

Verben mit Dativ-Ergänzung | Präsens | Tafelbild 1

Verben mit Dativ-Ergänzung | Präsens | Tafelbild 1

Grammatik in der Wolke | Verben mit Akkusativ-Ergänzung

Verben mit Akkusativ-Ergänzung

Grammatik in der Wolke

Grammatik in der Wolke -Lernen wie im Fluge-

Die meisten deutschen Verben verlangen eine Akkusativ-Ergänzung, auch Akkusativ-Objekt genannt.

Willst du in der deutschen Sprache einen grammatikalisch korrekten Satz bauen, so ist es wichtig zu wissen, dass das Verb der Chef im Satz !!! ist:

Das Verb sagt: Ich will eine Ergänzung: Das können Nominativ-/Akkusativ- und Dativergänzungen sein. Auch gibt es Verben, die eine Akkusativ- und Dativergänzung wollen.   Präpositionalergänzungen sind auch möglich.

 

All dies zu lernen, ist sehr schwierig, weil es diese  komplizierten Grammatikkonstruktionen in vielen anderen Sprachen nicht gibt.

 

Grammatik in der Wolke -Lernen wie im Fluge-  ist ein neues Projekt auf meinem Blog. Ich möchte hier mit grafischen Elementen einen Zugang zur deutschen Grammatik anbieten, weil ich Spaß für sehr wichtig beim Erlernen einer Sprache halte. Dabei können meiner Meinung nach Farben und Formen viel helfen, weil bunte Farben im allgemeinen motivierend wirken!

 

Grammatik in der Wolke ersetzt kein Grammatikbuch und keinen Sprachunterricht. Es ist nur ein kleines Brainstorming, das einen kurzen Überblick über verschiedene Grammatikthemen bieten soll!

 

Verben mit Akkusativ-Ergänzung

Verben mit Akkusativ-Ergänzung

Verben mit Akkusativ-Ergänzung

Beispielsätze 〈das Subjekt des Satzes im Nominativ ist im folgenden rot markiert〉:

  • Der Mann öffnet die Tür.
  • Die Schülerin liest das Buch.
  • Das Mädchen hat die Spaghetti gegessen.
  • Die Mutter möchte das Baby baden.
  • Der Dieb hat das Portemonnaie gestohlen.
  • Der Sprachschüler muss die deutsche Grammatik lernen.
  • Im Urlaub trinke ich am liebsten Wein.

 

Verben mit Akkusativ-Ergänzung im Präsens | Tafelbild 1

Verben mit Akkusativ-Ergänzung im Präsens | Tafelbild 1

 

Verben  auf –ieren mit Akkusativ-Ergänzung

Verben auf -ieren mit Akkusativ-Ergänzung

Verben auf -ieren mit Akkusativ-Ergänzung

Beispielsätze:

  • Der Tourist fotografiert die Landschaft.
  • Die Nachrichtensprecherin hat die Zuschauer gut informiert.
  • Die Studentin will ihr Zertifikat kopieren.
  • Im Mathematikunterricht muss man immer Zahlen addieren.
  • Ich habe meine neue Wohnung renoviert.
  • Die Köchin abonniert viele Zeitschriften mit Kochrezepten.
  • Das Kind möchte das Erdbeereis probieren.
Verben mit Akkusativ-Ergänzung | Perfekt

Verben mit Akkusativ-Ergänzung | Perfekt | Tafelbild 2

 

 

 

Trennbare Verben mit Akkusativ-Ergänzung

Trennbare Verben mit Akkusativ-Ergänzung

Verben mit Akkusativ-Ergänzung mit Präfix (Vorsilbe) – trennbar

Beispielsätze:

  • Peter holt das Paket bei der Post ab.
  • Anna hat im Urlaub einen netten Mann kennengelernt.
  • Die Studentin ruft sonntags immer ihre Eltern an.
  •  Gestern hat der Elektroinstallateur in meiner neuen Wohnung die Lampen aufgehängt.
  •  Bei schlechtem Wetter habe ich immer einen Regenschirm dabei.
  •  Die Schülerin schreibt die Sätze von der Tafel ab.

 

 

Untrennbare Verben mit Akkusativ-Ergänzung

Untrennbare Verben mit Akkusativ-Ergänzung

 

Verben mit Akkusativ-Ergänzung mit Präfix (Vorsilbe)-  untrennbar

Beipielsätze:

  • Die Lehrerin beantwortet die Frage ihres Schülers.
  • Im Urlaub in Australien hat das Ehepaar viele Abenteuer erlebt.
  • Ich möchte meine neue Kamera bald benutzen.
  • Gleich zu Beginn der Veranstaltung begrüßt der Präsident die Konferenzteilnehmer .
  • Die Kinderärztin hat das Baby gestern in ihrer Praxis untersucht.
  • Weihnachten besuchen wir immer die Großeltern.
Verben mit Akkusativ-Ergänzung_mit Modalverben | Tafelbild 3

Verben mit Akkusativ-Ergänzung_mit Modalverben | Tafelbild 3

 

 

Fortsetzung folgt…

 

 

 

 

 

 

 

 

Sprache in Zeiten von Corona | Teil 2

Corona Wortwolke

Corona Wortwolke

Wer von euch meinen ersten Blogbeitrag zur Sprache in Zeiten von Corona gelesen hat, der konnte unschwer erkennen, worauf ich hinauswill, nämlich genau darauf, dass wir uns den ganzen Tag, sollten wir Radio hören, fernsehen oder Zeitung lesen, mit einer Flut von Wörtern konfrontiert sehen, die wir bis vor circa zwei Monaten in dieser Zusammenstellung weder kannten, noch aktiv und häufig unreflektiert, fast wie automatisiert in unser Sprechen integrierten wie wir es jetzt fast alle tun.

So werden wir zu Virologen, Politikern, Anglisten, Influencern, Helden des Alltags usw., wobei mir an dieser Stelle gleich der auf dem Sofa oder der Stadiontribüne sitzende, Bier trinkende und Pommes rot-weiß essende Fußballfan einfällt, der immer und überhaupt ein besserer Trainer an der Seitenlinie oder ein taktisch raffinierterer Spieler als der auf dem Rasen ist, nehmen wir mal CR-7,  Messi oder Fabian Klos aus dem Kritikfeld aus. Wir fachsimpeln mit aufgeschnappten Termini, wissenschaftlichen Fachbegriffen auf Deubel komm raus, ohne jemals ein diesbezügliches Studium, eine Fortbildung oder auch nur einen VHS-Kurs zu diesem Gebiet gemacht zu haben.

Zahlreiche Zeitungsartikel, Interviews in Print- und Audiomedien, manchmal auch Talkshows thematisieren inzwischen diese sprachlichen Neuschöpfungen, wobei natürlich gerade in letzteren dann selbst hemmungslos mit diesem Vokabular jongliert wird und sich die Bälle gegenseitig zugeworfen bzw. zugespielt werden.

Auf der Hier und heute Facebook Seite des WDR finde ich am 05. Mai 2020  einen Post mit der an die Follower gerichteten Frage. „Was sagt ihr zu Mundschutz? Gesichtspullover, Sabbelverdeck, Rotzfänger, Nuscheltuch…? Wie nennt ihr den Mundschutz?“, unter dem inzwischen 572 Kommentare  stehen. Sechs Stunden nach dem Hochladen wurde der Beitrag schon 314 Mal kommentiert. Ein paar Beispiele nur: Fressbremse, Maultäschle und Schnauzenschlüppe, am häufigsten tauchte zu diesem Zeitpunkt allerdings die vermutlich politikkritisch gemeinte Benennung Maulkorb, oft als Kompositum Volks-, Human– oder Bürgermaulkorb, auf.

Unter den zahlreichen inzwischen in der Presse erschienenen Artikeln zum Thema „Corona und Sprache“ möchte ich hier nur auf einige wenige näher eingehen, die allesamt, wie ich finde, für die an diesem Thema Interessierten lesenswert sein könnten:

Am 06. Mai 2020 veröffentlichte Alexander Menden in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel Wie Corona unsere Sprache beeinflusst einen gelungenen Überblick darüber, in welchem Ausmaß und in welcher Weise das Thema Corona unser aktives sprachliches Repertoire zur Zeit dominiert. Menden bezieht sich in seinen Ausführungen in vielem auf Henning Lobin, Leiter des in Mannheim ansässigen Leibnitz-Instituts für Deutsche Sprache (IDS), das die sprachlichen Entwicklungen des Deutschen dokumentiert, dabei auch die sogenannten Neologismen sammelt und erfasst, wann, wie oft und in welchem Kontext solche Wörter besonders häufig benutzt werden. An der Häufigkeit ihrer Verwendung könne man „regelrechte Mentalitätszyklen ablesen“, wird Lobin zitiert. Er meint damit, dass immer wieder außergewöhnliche Ereignisse unser Vokabular prägen und aktuell verständlicherweise gerade die Sprachbilder aus dem Kontext Corona Hochkonjunktur hätten, wobei inzwischen schon zu beobachten sei, dass die Frequenz ihres Gebrauchs im Verhältnis zu der anderer Vokabeln allmählich wieder abnähme, sich damit eine Normalisierungsperiode des Verhältnisses step by step wieder einpendele. Interessant sei dabei vor allem aber, was sich langfristig im Sprachschatz verankern werde: „Kanditaten für eine Verankerung im Alltag seien vor allem solche Wörter, die auch eine konkrete Veränderung in der Welt beschreiben, glaubt Lobin. So könne es sein, dass wir am Ende mit dieser Zeit vor allem einen Begriff verbinden, der schon lange gebräuchlich ist, nun aber permanent völlig neu besetzt ist: das Wort „Maske„.“

Neu war für mich der im SZ-Artikel stehende Verweis auf das Verfahren der Parallelbildungen bei den Wortneubildungen:  So findet man z.B. Colonials in Anlehnung an Millennials und Coronoia angelehnt an Paranoia.

Coronawörter_Anglizismen

Coronawörter_Anglizismen

Auf der Seite des IDS findet man informative Aktuelle Stellungnahmen zur Sprache in der Coronakrise  wie auch eine ausführliche Übersicht über den neuen Wortschatz rund um die Coronapandemie.

Am 20.04.2020 kommentiert Uwe-Peter Steinscheck in der B.Z.  mit der Überschrift „Corona hat unsere Sprache infiziert“ die aktuellen sprachlichen Veränderungsphänomene. Hätte er, so meint Steinscheck, über das Unwort des Jahres zu entscheiden, dann wäre die Wendung „systemrelevanter Beruf“ sein Top-Kandidat, denn sinnentleerter gehe es wohl kaum. Jeder Beruf, der ausgeübt und mit dem Geld verdient werde, sei für unser System relevant – wenn wir davon ausgingen, dass mit „System“ das Funktionieren der sozialen und wirtschaftlichen Strukturen unseres Landes gemeint seien. Man habe fast den Eindruck, dass hier auch nachträglich plump-verbal aufgewertet werden solle, was jahrelang vernachlässigt worden sei: die Arbeitsbedingungen von Ärzte- und Pflegepersonal in unseren Krankenhäusern und Altenheimen.

Auf Domradio.de gibt es am 09.Mai 2020 ein Interview mit Annette Klosa-Kückelhaus (Sprachwissenschaftlerin am IDS) zu Sprachveränderungen durch die Coronavirus Pandemie „Wie die Krise unsere Sprache beeinflusst„. Klosa-Kückelhaus gibt hier einen guten Überblick darüber, welche Arten von Wortneuschöpfungen, Komposita-Bildungen, welche Anglizismen, Wortumdeutungen u.v.m. den gegenwärtigen Sprachraum ausfüllen. Zu den über die Aktualität hinausgehenden Verfestigungen meint sie: „Ich denke, manche werden bleiben. Über die Corona-Krise werden wir sicherlich noch lange sprechen, weil sie unsere Gesellschaft stark verändert. Aber andere Wörter wie die „Corona-Frisur“ oder die „Corona-Kilos“ wird man vielleicht nicht mehr so viel verwenden, hoffe ich zumindest. Wenn es keine Maskenpflicht mehr gibt, dann muss man auch nicht mehr darüber sprechen. Das hängt jetzt ein bisschen davon ab, wie sich die Umstände verändern. Denn die Sprache reflektiert das ja letztendlich nur.“

Auf jetzt.de gibt Murtaza Akbar  am 26.04.2020 ein Interview zur Sprache in der Corona-Krise: „Wenn ich jedem ‚Bleib gesund‘ schreibe, ist es irgendwann nichts mehr wert“. Akbar ist Kommunikationsexperte und -berater und lehrt als Dozent im Studiengang Onlinekommunikation an der Hochschule Darmstadt. Interessant fand ich in diesem Interview auch, dass er besonders hervorhob, dass sich im Gegensatz zur anfänglichen bzw. noch teilweise aktuellen Anwendung einer Kriegsmetaphorik und -rhetorik durch z.B. Emmanuel Macron und in viel ausgeprägterem Maße durch Donald Trump die Sprache von Angela Merkel wohltuend abhob. Ich zitiere aus dem Interview: „Hier hat niemand von „Krieg“ gesprochen, was aufgrund der deutschen Historie verständlich ist. Und die Fernsehansprache der Bundeskanzlerin war wirklich ein Musterbeispiel, wie man in dieser Lage sprechen sollte! Sehr empathisch, sehr wertschätzend: dass die Situation ernst ist, dass wir nicht von Zwang leben, dass wir uns in einer Demokratie befinden und vor einer historischen Aufgabe stehen, die gemeinsam zu bewältigen ist.“

Wenn Macron in seiner ersten Ansprache vom „Krieg gegen einen unsichtbaren Feind“ gesprochen habe, so Akbar, habe er den Menschen suggerieren wollen, dass es hier um Leben und Tod gehe. In dieser drastischen Form sei das sicher überzeichnet, denn glücklicherweise befänden wir uns nicht im Krieg. Weil die Pandemie noch länger nicht vorbei sei, müsse Macron sich aber vor allem fragen, was die Steigerung von Krieg sei. Er müsse schließlich noch weitere Ansprachen an die Bevölkerung halten.

Corona_Komposita

Coronawörter_Komposita

Gerade die Verwendung von Kriegsmetaphorik in diesem Kontext öffnet uns die Pforte zum Framing, auf das ich weiter unten noch ausführlicher eingehen möchte. Kriegsmetaphorik mag Politikern dazu dienen, die schwere der Situation hervorzuheben, die Adressaten zu emotionalisieren und damit an sich zu binden, scheint mir aber in keiner Weise eine adäquate Art von Krisenkommunikation zu sein, weil sie allzu leicht in Populismus abgleiten kann bzw. könnte man vielleicht gar vermuten, dass sie teilweise auch gezielt so eingesetzt wird: Nous sommes en guerreGesundheitskriegder Feind ist dader unsichtbare Feindein Präsident in Kriegszeitendie Truppen versammeln  u.v.m. seien beispielhaft dafür genannt.

Anregend fand ich auch Akbars Aussage, dass wir aktuell in unserem Kommunikationsverhalten einen reduzierten Dialog-  gegenüber einem viel größeren Konsumanteil hätten, da wir Medien ohne Ende konsumierten. Dem kann ich nur zustimmen: In meinem Alltag findet der sprachaktive Austausch seit circa acht Wochen überwiegend im engsten Familienkreis, Online in Meetings, Chatrooms, Facebook, Messenger, Slack und auch am Phone statt. Den Medienkonsum, was TV-Nachrichten, Talkshows und auch Print-Nachrichtenformate betrifft, habe ich allerdings wegen seelischen Selbstschutzes auf ein Minimum reduziert.

Akbars Hinweis darauf, dass die Sprachverwendung zurzeit in dem Fall eine pure Form von Diskrimierung sei, wenn man vom „Chinesischen Virus“ oder den „Italienischen Verhältnissen“ spreche, kann ich nur zustimmen. In meinem ersten Beitrag zum Thema erwähnte ich ja bereits die herabsetzenden Begriffe wie „China– oder Ausländervirus“ oder „Colonialzeit„.

Auf seiner  Website wortgucker. Wording & Framing in Politik& Medien entlarvt der promovierte Sprachwissenschaftler und -kritiker  Eric Wallis als Wortgucker die Sprache und das Framing in der Politik und Medien: „Krisenzeiten sind Wortbildungszeiten. Gleichzeitig mit dem Corona-Virus verbreitet sich ein bisher kaum gekannter und teils komplett neuer Corona-Wortschatz. Anlass für den Wortgucker, ein Corona-Wörterbuch zu schreiben. Das findet Ihr in den nächsten Tagen hier. Dabei gibt es eine Menge neuer Wortschöpfungen, aber auch bekannte Wörter, die bisher eher ungern thematisiert wurden, Stichwort Home Office und Home Schooling.“ Wallis versteht seine lesenswerte Wörtersammlung als work in progress und fordert seine Leser auf, ihm ihre Wörter per Facebook oder Twitter zukommen zu lassen.

In der Taz schreibt Eric Wallis sehr interessant über die „Überbenutzte Systemrelevanz“: „Will sagen: Das Wort „systemrelevant“ ist binnen kürzester Zeit inflationär geworden. Es hat seinen Anwendungsbereich so ausgedehnt und kann mittlerweile alles und nichts bedeuten.“

An dieser Stelle muss ich an das w.o. angeführte Interview mit Murtaza Akbar denken, der zu Recht darauf aufmerksam macht,  dass die quasi ritualisierte Grußformel „Bleib gesund„, sei es in Emails, Briefen oder Telefongesprächen, letztendlich zu einer inflationären Begriffsverwendung führen kann, wenn sie quasi als Textbaustein wiederholt verwendet wird und damit zur sinnentleerten Floskel verkümmert.

Wo und wie wird die neue Lexik sonst noch festgehalten?

Das renommierte Oxford English Dictionary soll schon außer der Reihe aktualisiert worden sein, mehr als 700 neue Corona-Wörter soll das neue Corona-Wörterbuch umfassen, das auf Initiative des Chefredakteurs des niederländischen Standard-Wörterbuchs Van Dale, Ton den Boon, entstanden ist.

Man möge einen Blick in das DWDS-Themenglossar (Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache) zur Covid-19-Pandemie werfen, in dem akribisch die ihren Niederschlag in der Sprache findenden Prozesse des Wandels gesammelt werden. Die Redaktion des DWDS sieht es als ihre wichtige Aufgabe an, die sprachlichen Veränderungen zeitnah zu dokumentieren. Seit Mitte März hat sie damit begonnen, Begriffe aus dem Corona-Kontext zu sammeln und lexikographisch zu beschreiben. Es lag zu dem Zeitpunkt, als ich das letzte Mal hineinschaute, ein Glossar von circa 170 Wörtern vor, das kontinuierlich überarbeitet, erweitert und aktualisiert wird.

Auch die Gesellschaft für deutsche Sprache e.V. (GfdS) hat eine bis dato elfteilige Artikelreihe zum Thema „Corona in der Welt“ herausgegeben. So z.B. „Bindestriche, coronamäßige Wortbildungen und jede Menge Absagen“ (Teil 2), „Der Hamster in Zeiten der Krise“ (Teil 5),  „Wir möchten unser Kind Corona nennen“ … Corona im Namengut“ (Teil 7) oder auch „Social Distancing, Hot-Spot und Triage: Fremdwörter im Zusammenhang mit Covid-19“ (Teil 9).

Am interessantesten fand ich Teil 8 „Ausgewählte Wörter in einzelnen Sprachen und Übersetzungsvarianten“.
Warum? Weil in diesem Artikel sehr deutlich gemacht wird, wie schwierig es für Übersetzer sein kann, die Begrifflichkeiten und vielfachen Wortneuschöpfungen in eine andere Sprache mit dem Anspruch von Kulturangemessenheit punktgenau zu übersetzen. In jeder Sprache gibt es verschiedene Wortbildungsprozesse und damit unterschiedliche semantische Verknüpfungen, der Umgang mit Sprache ist kulturell und politisch kanonisiert, demokratische Systeme benennen vielfach Phänomene sprachlich anders als autoritäre Regime. Fast jede Kultur geht anders mit Krankheit um, Krankheitssymptome werden kulturdifferent wahrgenommen und somit auch anders benannt.

Ich denke in diesem Zusammenhang an das für kultursensitives Vorgehen in der Psychotherapie wichtige Buch von Ulrike von Lesner und Jan Ilhan Kizilhan „Kultursensitive Psychotherapie“ (2017) Hier habe ich sehr gute Beschreibungen dazu gefunden, wie sich kollektivistische und individualistische Wertvorstellungen und Handlungsnormen in einer Gesellschaft auf das Empfinden von Krankheitssymptomen und deren Benennung auswirken. In diesem Zusammenhang müssen sich m.E. Psychotherapeuten ebenso wie alle anderen in Gesundheits-, Pflege- und Heilberufen Tätigen im weiten Feld kulturspezifischer Einflüsse hinreichend auskennen, um adäquat diagnostizieren und anschließend folgerichtig behandeln zu können.

Coronawörter_Adjektive

Coronawörter_Adjektive

Auch die oben angesprochenen Schwierigkeiten, denen sich zurzeit Übersetzer gegenübergestellt sehen, gründen auf diesen genannten differenten kulturspezifischen Wahrnehmungen, Wortbildungsprozessen und politisch gewollten Sprachzuschreibungen, womit wir wieder beim Phänomen des Framings angelangt sind.

In diesem Zusammenhang sei Elisabeth Wehlings „Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“ (2016/2018) genannt.

Ich zitiere aus Wehlings Buch: „So wenig dies uns im Alltag auch bewusst sein mag. Wir alle denken und handeln tatsächlich nach Worten. Die Sprache, die wir hören und lesen, aktiviert Frames in unseren Köpfen. Teil dieser Frames ist immer auch die kognitive Dimension von Dingen, die wir überhaupt nicht als Teil von Sprache einstufen – Bewegungen, Geräusche, Gerüche, Emotionen, Bilder und vieles mehr. Weil jedes Wort einen Frame aktiviert, kommuniziert man mit jedem Wort eine Fülle von Ideen, die aufgrund unserer Welterfahrung mit diesem Wort in Zusammenhang stehen. Frames nehmen einen erheblichen Einfluss auf unsere Wahrnehmung, und sie können sich stark darauf auswirken, mit welcher Leichtigkeit wir Fakten und Emotionen wahrnehmen. Denn nur dann, wenn ein Fakt in einen aktivierten Frame passt, sinkt er schnell und problemlos in unser Bewusstsein. Und nicht zuletzt nehmen die über Sprache aktivierten Frames direkten Einfluss auf unser eigenes Handeln.“ (Wehling, S.41)

Da Frames, wie Erhard Eppler im Frühjahr 2016 im Vorwort zu Wehlings Buch schreibt, bewusst konstruiert sein können, also Themen durch Schlüsselwörter ein Frame verpasst werden kann, der sie den dominierenden Interessen gefügig macht ( Vorwort zu Wehling, 16), möchte ich mir im nächsten Blog zum Thema Corona und Sprache die Frage stellen, inwieweit aktuelle sprachliche Neuschöpfungen, neue semantische Zuschreibungen lange nicht benutzter, jetzt reaktivierter Wörter, rapide Zunahme von Anglizismen, Kriegsmetaphorik u.v.m. unser Fühlen und Denken gerade jetzt,  wo sehr viele von uns sich in einer mehr oder weniger instabilen, von Angst und Unsicherheit besetzten Lebensphase befinden, manipulativ beeinflussen können.

Ein guter Übergang zum Komplex des Framing ist  Maria Fiedlers am 24.04.2020 im Tagespiegel erschienener  Artikel „Die Worte in der Krise – und wie sie wirken. Das Virus ist eine „Plage“, der Kampf dagegen ein „Krieg“ . Sprache und Begriffe haben in der Pandemie eine große Macht. Manche Politiker wissen das zu nutzen.

Auch sie bezieht sich auf Wehling, wenn sie diese im Zusammenhang mit Trumps rhetorischen Stilmitteln wie folgt zitiert: „Wehling ist aufgefallen, dass Trump mittlerweile in Bezug auf Covid19 auch gern von „plague“ spricht, also der Seuche oder Plage. „Das ergibt vor allem dann Sinn, wenn man weiß, wie religiös viele Amerikaner und Trump-Anhänger im Speziellen sind“, sagt Wehling. 28 Prozent der Amerikaner glaubten nach der Wahl 2016, dass Gott entschiedenen Einfluss darauf genommen hat, wer ins Präsidentenamt kommt.
Und so erinnere „Plague“ an die Plagen, mit denen Gott die Ägypter bestrafte. „Wenn man die Pandemie als etwas Gottgegebenes sieht, entlässt das Trump partiell aus der Verantwortung“, erklärt Wehling.“

Dies sei ein guter Anknüpfungspunkt für meinen nächsten Beitrag auf diesem Blog zu „Sprache in Zeiten von Corona“.

Fortsetzung folgt…

Gedanken zum Muttertag

Kurz mal zum Muttertag

Gedanken einer Nicht-Historikerin

Heute ist Muttertag: weltweit wird ein Tag im Jahr als Muttertag gefeiert, in vielen Ländern jedes Jahr am zweiten Sonn

Mohnblume zum Muttertag

Mohnblume zum Muttertag

tag im Mai. Der Tag ist offiziell als Feiertag zu Ehren der Mütter institutionalisiert. So werden Mütter u.a. mit Gebasteltem, Gedichten, Familienbesuchen und vor allem mit Blumensträußen gefeiert. Aber warum ist das so und wie ist dieser Tag entstanden?

 

Auf die historischen Vorläufer des Muttertags in der griechischen und römischen Antike mit den Verehrungsritualen der Göttin Rhea oder dem Kybele- und Attiskult möchte ich allerdings hier nicht eingehen, aber sicherlich gehört auch dieser Bezug zum Thema.

Sucht man am Samstag vor dem Muttertag Blumengeschäfte auf, so könnte man schnell vermuten, er sei eine Erfindung der Blumenindustrie: Hätte man seiner Mutter, Lebenspartnerin oder Freundin eine Woche früher eine Freude mit einem Blumenstrauß machen wollen, so hätte man mit Sicherheit nicht so tief in die Tasche greifen müssen  und für den gleichen Betrag zumindest Pralinen oder anderes Schenkenswertes dazu kaufen können.

Aber so ist es nicht. Der Muttertag in seiner heutigen gesetzlichen Verankerung als offizieller Feiertag zu Ehren der Mütter hat seinen Ursprung in der US-amerikanischen Frauenbewegung. Wichtig ist an dieser Stelle aber zu unterstreichen, dass die Streiterinnen für die Etablierung eines offiziellen Muttertags bewegt waren von frauenrechtlichen Gedanken wie Gleichberechtigung, Wertschätzung und Überwindung etablierter Rollenbilder und nicht von dem Gedanken getragen waren, die Rolle der Frau als Mutter auf die drei Ks – Kinder, Küche, Kirche – zu begrenzen.

Eine bedeutende Rolle bei der Etablierung des Muttertags nahm Julia Ward Howe (1819 -1910) ein, eine amerikanische Lyrikerin, Schriftstellerin, Abolitionistin und Vertreterin der Frauenbewegung, die den amerikanischen Müttern einen Tag im Jahr widmen wollte, an dem sie geehrt werden sollten. 1870 erregte sie mit ihrer Mothers‘ Day Proclamation  Aufsehen, einem Vorschlag zur Einführung eines Muttertags als Protesttag gegen den Krieg. 1872 initiierte Howe eine Mothers’ Peace Day Observance am zweiten Sonntag im Juni, ein Ereignis, das sich über mehrere Jahre  wiederholte.

Als Begründerin des Muttertags gilt allerdings Anna Marie Jarvis (1864-1948) , ebenfalls eine US-amerikanische Frauenrechtlerin. Nach dem Tod ihrer Mutter, Ann Maria Reeves Jarvis (1832-1905), am 8.Mai 1905 hatte Anna M. Jarvis den Wunsch, das Gedenken an ihre Mutter zu ehren und damit auch allen anderen Frauen einen Tag der Würdigung und des Respekts zu widmen.

Ann Maria Reeves Jarvis hatte sich zu Lebzeiten sowohl für Frieden wie auch dafür eingesetzt, dass die schlechten hygienischen Verhältnisse zur damaligen Zeit verbessert werden, weil diese in ihren Augen für die damals herrschende hohe Kindersterblichkeit verantwortlich waren. Bereits 1858 gründete sie die Mothers‘ Days Work Clubs mit dem Ziel, die unter der Arbeiterschaft verbreiteten sanitären Missstände zu beseitigen, die Gesundheit der Familien zu fördern und der hohen Kindersterblichkeit entgegenzuwirken. Während des amerikanischen Bürgerkriegs (1861-1865) organisierte sie Frauen über Mothers‘ Friendship Days, mit dem Ziel, den Verwundeten beider verfeindeter Seiten Hilfe zukommen zu lassen. Nach dem Krieg wurde sie aktiv in der Werbung für einen Muttertag, zur damaligen Zeit ein Feiertag, der  auf Pazifismus und Sozialdienst gründete. So sollen z.B. während des Bürgerkriegs Kärtchen an die Mütter der Soldaten geschickt worden sein mit Botschaften wie z.B. „Sehr verehrte Damen, Ihre fünf Söhne sind ruhmreich im Krieg gefallen“. Vor diesem Hintergrund ist es leicht nachvollziehbar, dass mit dem Muttertag Pazifismus in den Vordergrund gestellt werden sollte. Ann Maria Reeves Jarvis starb in der zweiten Maiwoche 1905.

Rose zum Muttertag

Rose zum Muttertag

Ann Maria Jarvis wollte mit ihrem Wunsch, einen offiziellen Feiertag zu Ehren der Mütter zu etablieren, nicht zuletzt die Lebensleistung ihrer Mutter unvergessen machen. Sie ging engagiert und hartnäckig dabei vor, dies zu verwirklichen. Drei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter wurde ein Gedenkgottesdienst abgehalten, der allen Müttern gewidmet war. Es war der erste inoffizielle Muttertag, gefeiert in der zweiten Maiwoche 1908. Ann Maria Jarvis soll 500 rote und weiße Nelken, die Lieblingsblumen ihrer Mutter, vor der Kirche an die Mütter ihres Heimatorts Grafton/West Virginia verteilt haben. „Die Nelke wirft ihre Blütenblätter nicht ab, sondern drückt sie an ihr Herz(…) so drücken auch die Mütter ihre Kinder ans Herz“, soll sie gesagt haben. Sie kämpfte weiter dafür, dass der Muttertag ein nationaler Feiertag wurde.

Ihr Einsatz wurde letztendlich mit Erfolg belohnt: am 8. Mai 1914 erklärte der Kongress den zweiten Sonntag im Mai, den Todestag ihrer Mutter, offiziell zum Muttertag und damit zum offiziellen nationalen Feiertag. England folgte und ließ den Mothering Day wieder aufleben.
Allerdings musste Ann Maria Jarvis erleben, dass der Muttertag entgegen dem von ihr intendierten Sinn vom Kommerz missbraucht wurde. Sie versuchte gerichtlich dagegen vorzugehen, soll im Kampf gegen seine Kommerzialisierung ihr ganzes Vermögen verloren haben.
Während und nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Muttertag international in vielen Ländern etabliert. Floristen-, Bäcker- und Konditoreiverbände witterten ein großes Geschäft und machten sich für landesweite offizielle Muttertage stark . 1917 folgte die Schweiz, 1918 Norwegen, 1919 Schweden, 1922 Deutschland und 1924 Österreich. Der Muttertag entwickelte sich immer mehr zum dem, was ursprünglich nicht damit verbunden werden sollte, nämlich zu einem kommerzialisierten Großereignis. Die ursprüngliche Botschaft ging somit leider verloren. Jarvis zog – wie bereits –  erwähnt vor Gericht, um den Muttertag wegen dieser Zweckentfremdung verbieten zu lassen, hatte jedoch keinen Erfolg.

Rose Nahaufnahme

Rose Nahaufnahme

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Muttertag in Deutschland für ideologische Zwecke missbraucht. Er wurde 1933 in den „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“ umbenannt. Das Frauenbild jener Zeit war geprägt von der völkisch-nationalistischen Ideologie und betonte die Rolle der Frau als Mutter. Die ideale Frau arischer Abstammung sollte sich durch Charaktereigenschaften wie Pflichterfüllung, Leidensfähigkeit, Opferbereitschaft, Treue und Selbstlosigkeit auszeichnen. Der Frau wurde eine funktionale Rolle als Gebärerin reinrassigen Nachwuchses zugeschrieben: das Mutterbild als Propaganda- und damit Manipulationsinstrument.

Die soziale Rolle der Frau wurde auf ihre Mutterrolle reduziert : als Garant für Gebären und Erziehen stählerner und kampfbereiter Nachkommen. Diese Funktionalisierung der Frau als Weitergeberin hochwertigen Erbguts wurde durch die Stiftung des Mutterkreuzes geadelt, die gemeinsam mit dem Muttertag 1938 institutionalisiert wurde. Wenn eine Frau acht Kinder gebar, wurde ihr das „Goldene Mutterkreuz“ verliehen.

Die NS-Frauenschaft und das Deutsche Frauenwerk waren die einzigen zugelassenen Frauenorganisationen im Dritten Reich. Nachwuchsorganisation war der Bund deutscher Mädel. Im Reichsluftschutzbund sollen bis zu 70% der Mitglieder weiblich gewesen sein.
Nach dem Zweiten Weltkrieg brachten die in Deutschland stationierten US-amerikanischen Soldaten den Muttertag erneut zurück und er wurde in allen westlichen Ländern eingeführt.

In der DDR wurde wie in allen anderen Ländern des sogenannten Ostblocks an seiner statt der Internationale Frauentag gefeiert. Erst nach der Wiedervereinigung von DDR und Westdeutschland 1990 wurde der Muttertag auch in Ostdeutschland eingeführt.

Heute ist nun wieder Muttertag, ein Muttertag in Zeiten von Besuchsbeschränkungen, empfohlener körperlicher Distanzierung, ein Muttertag, der sicherlich all jene, die ihn gerne feiern möchten, sehr traurig macht, weil sie ihre Liebsten nicht persönlich treffen können.
Ein Tag zu Ehren der Mütter ist sicherlich wichtig und sinnvoll, mir liegt es allerdings eher am Herzen, dass überall an jedem Tag die wichtige Rolle von Frauen in der Gesellschaft Wertschätzung erfährt, dass die Gleichberechtigung von Frauen, ihre Gleichwertigkeit in allen Lebenssphären immer wieder betont wird und sich unaufhörlich gegen sexualisierte Gewalt, Missachtung weiblicher Freiheit und Selbstbestimmung positioniert und engagiert wird.
Es könnte ja sein, dass so ein offizieller Feiertag wie der Muttertag von einigen als Alibi benutzt wird, ihren ansonsten respektlosen und erniedrigenden Umgang mit Frauen weiterhin für gut zu befinden, die Frage stelle ich jetzt mal in den Raum.

Sprache in Zeiten von Corona | Teil 1

Mein Alltag in der Wortwolke

Alle, die jemals einen Deutschkurs besucht haben, erinnern sich sicherlich noch an die netten „Wortwolken“, Visualisierungen zu einem Wortfeld, flächig angezeigt, wobei unterschiedlich gewichtete Wörter größer, kleiner, fetter, mittig, links oder rechts, oben oder unten, hervorgehoben oder in den Hintergrund verbannt, oft in unterschiedlichen Farben präsentiert wurden. Das sprachliche Repertoire zu einem Thema war so fast auf einen Blick erfassbar, auf den ersten die exponierten, auf den zweiten, oft auch dritten oder x-ten Blick die weniger hervorgehobenen Wörter. Warum diese Präsentationsform? Nun, ich denke, motivierend soll es wirken, Spaß am Erlernen eines neuen Wortschatzes hervorrufen.

Neuer Wortschatz, oder besser: neue Wortschöpfungen begegnen uns zurzeit zuhauf, sei es in Printmedien, Talkshows, Statements von Politikern, beim Einkauf im Supermarkt, in der Werbung zu unterschiedlichsten Dienstleistungsangeboten. Sitze ich frühmorgens bei einer Tasse Kaffee zeitungslesend und mit noch relativ guter Laune im Bett, so springt mich die heiter beschwingte Radiowerbung diverser Anbieter an wie ein Tiger, dem es egal ist, ob ich den Angriff überlebe, Hauptsache er hat sein Plaisir.

Veränderte Zeiten, veränderte Sprache: Sprache als Wirkungsmacht, Manipulation, Emotionalisierung, Aufklärung, und vieles mehr, vielfach und eindrücklich beschrieben in verschiedensten theoretischen Ansätzen, allgemein bekannt unter dem Terminus „Framing“.
Lasse ich mich nun ernsthaft auf das derzeit allumfassende Phänomen sprachlicher Schöpfungsketten (ob es ein Wert ist, da bin ich mir noch nicht so sicher) ein, so sehe ich viele Wolken am Horizont, zusätzlich zu meiner verständlicherweise eher bewölkten Stimmungslage droht mich geradezu ein Gewitterwolkensturm zu erschlagen.

Um ein wenig Ordnung in das entstandene sprachliche Chaos zu bringen, habe ich mich daran begeben, meine viele, sehr viele, fast zu viele Freizeit damit sinnstiftend zu füllen, mich mit dem expandierenden „Wortschatz“ zur Beschreibung von Corona – Phänomen zu befassen.
Dies mit wissenschaftlicher Verve, Betroffenheitsgestus, Ernsthaftigkeit, aber auch viel Belustigung und dem Wunsch, zu begreifen, was da gerade in sprachlicher Hinsicht so abgeht.

Bevor ich versuche, für mich den Gegenstand meines Interesses zu ordnen und zu analysieren, um ihn anschließend zu präsentieren, fange ich mal damit an, euch einen Einblick in mein Privatleben zu geben, bemüht um Authentizität und Vermittlung dessen, um was es mir gerade geht. Natürlich zeitadäquat mit Corona-Wörtern.

Toilettenpapier Fussball

Fussball-Toilettenpapier

95% meiner Zeit lebe ich im Cocooning, zurückgezogen in mein privates Umfeld, die auf gemütlich getrimmte, coronafreie Wohnung inklusive uncoranösem Balkonien und, ich hoffe, dass es so bleibt, einem Ehemann, der kein Superspreader ist. Im Großen und Ganzen sind wir zum Glück gesund, physisch coronafrei, psychisch wohl eher nicht. Ab und zu husten wir, aber wir sind keine Corona-Huster und haben weder Schnotten– noch Schniefscham. Unter Flugscham zu leiden, wurde uns erspart, einen Lagerkoller haben wir noch nicht, Spuckwände ebenso wenig, wir mussten nicht in Quarantäne oder freiwillige Selbstisolation. Wie gesagt, einen Homeoffice-Koller habe ich noch nicht, dafür aber Klopapier mit Fußballmotiven drauf, so kann man sich wenigstens auf dem Klo das Papier anschauen und Tor schreien, wo es schon keine Geisterspiele mehr gibt. Klopapierrollen liegen auf meinem Kleiderschrank allerdings nur in überschaubaren Maßen (nicht Massen!), zu Hamsterkäufen ließ ich mich dank meiner guten, glücklicherweise nicht-covidierten Erziehung nicht hinreißen. Ein Corona-Tagebuch führe ich nicht, Tagebuchschreiben war noch nie meine Sache, bis auf das Poesiealbum in frühester Mädchenzeit: „In allem, was du denkst, sei klar, in allem, was du sprichst, sei wahr, in allem was du bist, sei du, dann lächelt auch das Glück dir zu.“ Schön, nicht wahr!?

Eine Corona Conny oder einen Corona Kevin brauche ich nicht zu fürchten, da nicht mehr im gebährfähigen, sprich: systemrelevanten Alter bin, eher wohl einer Risikogruppe zugehöre, was den nicht zu unterschätzenden Vorteil hat, dass ich in einer zur Vorsicht mahnenden Zeit, wie wir sie jetzt gerade erleben, zumindest beim Corona-Sex nicht auf Verhütung achten muss, ausverkaufte oder überteuerte Kondome sind für mich nicht von privater Systemrelevanz. Allerdings steht in Kürze ein Corona-Geburtstag an. Mit Corona-Abitur und Homeschooling habe ich zum Glück auch nichts zu tun, allerdings tue ich alles Mögliche, um mich in Hometeaching einzuarbeiten.

Mein Küchentisch ist mein Homeoffice, Webinare und Tutorials sind Frühstück, Mittagessen und Abendbrot in einem, zum Dessert gibt’s Klopapierrollentorte: mich zur Tortenprepperin zu entwickeln, liegt meinem Naturell näher, als als Klopapierprepperin zu

entgleisen, aber das sagte ich ja bereits, dass Mutti und Vati mich zu rücksichtsvollem Verhalten erzogen haben. Das Fitnessstudio ist coronabedingt geschlossen, fit halten will ich mich auf jeden Fall und das mit: Home Gym, Balkonien-Workout, uncoronösem Yoga und Outdoor-Jogging im Eineinhalbmeterstadtpark, natürlich das Social Distancing als ständiger Begleiter. Dies ist aber doch nicht so sozial gedistanced, da sich alle Leute, auf die man trifft, viel sozialer, freundlich grüßend, nett lächelnd, insgesamt zugewandter verhalten als zuvor, obwohl man immer einen großen Bogen umeinander macht. Physical Distance ist angesagt, und das zurecht. Flatten the Curve sieht bei mir so aus, dass ich mir täglich mit Sorge, aber auch Galgenhumor die Excel -Tabelle mit meinen sich stetig vermehrenden Corona-Kilos betrachte.

Bin ich ein Maskenmuffel, bin ich gegen Maulkorbpflicht? Nein, obwohl ich mir ungern den Mund verbieten lasse, bissig sein kann und zuweilen den Mund ein bisschen zu voll nehme.

Als Brillenträgerin bereitet mir die Coronaschutzmaske allerdings Unannehmlichkeiten. Da habe ich schon lieber die Anti-Age-Maske auf der Haut oder im Karneval die rote Clownsnase. Die Maske wird jetzt mit Wasser entfernt, da ich wie gesagt, keine Zellstoffhamsterin bin.

Corona Bier

Corona Bier

Noch habe ich mich auf keiner Corona-Party vergnügt, jedoch aus Neugier ein Corona-Bier getrunken, noch keine Corona-Pizza mit Extra Prepperoni gegessen, allerdings viel Vitamine, Ingwer, Knoblauch wegen der Corona-Resilienz. Ein Vorteil bei dem Ganzen: stinken kann man ja in trauter Zweisamkeit, gemeinsam stinken hält besser! Das war früher, im Real-Life, im non-virtuellen Klassenraum verständlicherweise nicht erwünscht. Balkonkonzerte gebe ich nicht, dann würden alle Nachbarn verzweifelt die Physical Distance suchen.

Ich bin keine Rassistin: Colonialzeit, China– oder Ausländervirus gehören nicht zu meinem aktiven Sprachschatz. Meine Corona-Challenge sieht so aus, dass ich mich in möglichst kurzer Zeit möglichst intensiv und umfangreich in den Orkus der Virtuel Reality einarbeiten will, was aber nicht heißt, dass ich auf YouTube zur Influencerin in Hinsicht auf Corona-Frisuren oder die Gestaltung von Corona-adäquaten-Birthday-Partys werden will. Ich bin keine Helikopternachbarin: was meine Nachbarn tun und lassen, tangiert mich nicht, solange sie nicht mit verschnieften Fingern die Haustürklinke anfassen oder den Aufzugspiegel anniesen, Tröpfen– oder Schmierinfektion möchte ich tunlichst aus dem Wege gehen, denn: all diese Gefährdungen kann ich nicht sehen und deshalb bemühe ich mich immer, nicht-private Türklinken oder Geldautomatentasten mit einem Taschentuch oder dem Jackenärmel zu berühren. Bin ich jetzt schon eine Corona-Idiotin oder gar eine Corona-Neurotikerin, oder werde ich bald dazu, das ist die Frage am Ende meines Alltagsberichts. Im folgenden Beitrag geht’s dann um aktuelle Dokumentationen der neuen Begrifflichkeiten wie auch der altbekannten im neuen Gewand.

 

Fortsetzung folgt …

 

Sergej Lebedew – Der Himmel auf ihren Schultern

Im Vortragssaal  der Stadtbibliothek Bielefeld fand am 11.02.2015 eine beeindruckende Veranstaltung des Kuratoriums Städtepartnerschaft Bielefeld – Welikij Nowgorod e.V. statt.

Der russische Schriftsteller und Journalist Sergej Lebedew  las aus seinem Roman Der Himmel auf ihren Schultern (2013)1)Lebedew, S. (2013), Der Himmel auf ihren Schultern, Frankfurt a.M. – (russ: Predel zabvenija  (2011).  Brunhild Hilf, Vorsitzende des Kuratoriums, führte thematisch in die Veranstaltung ein. Inna Herzog-Vahle übersetzte die sich an die Lesung anschließenden Gesprächsbeiträge. Eindrucksvolle Auszüge aus dem Roman las die Bielefelder Schauspielerin Christine Ruis in deutscher Übersetzung.

Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die deutsche Übersetzung des Romantitels eine nicht zu vernachlässigende inhaltliche Schwerpunktverschiebung nach sich zieht: Die wörtliche Übersetzung des russischen Buchtitels lautet Die Grenze des Vergessens; der deutsche Titel Der Himmel auf ihren Schultern gründet auf einem Zitat aus dem Roman selbst. Stellt der russische Titel das Thema der Erinnerungskultur und Geschichtsverleugnung – das offiziell gewollteVerschwinden der Erinnerung an die sowjetischen Straflager aus dem gegenwärtigen Bewusstsein – metaphorisch in den Mittelpunkt, so legt der Titel der deutschen Ausgabe die Betonung auf den Leidensweg der Opfer des Lagersystems selbst.

Der in der Lesung vorgestellte Roman und die sich daran anschließende Diskussion regten mich an, seinen Inhalt und seine Hintergründe näher zu betrachten:

Sergej Lebedew wurde 1981 in Moskau geboren. Er entstammt einer sowjetischen Geologenfamilie. Seine Eltern berichteten ihm davon, dass sie in Jakutien im Sommer Bären dabei beobachtet hätten, wie diese an einem Futternapf der besonderen Art fraßen: an einem Massengrab. Als Jugendlicher verdiente Lebedew Geld damit, in den geschlossenen sowjetischen Minen nach Bergkristallen und seltenen Mineralien zu suchen. Bei diesen Expeditionen in die Tundra stieß er auf Relikte sowjetischer Straflager. Diese ehemals im Zuge der systematischen Säuberungspolitik des Stalinismus entstandenen Zeugnisse des Gulag boten sich dar in Gestalt überwucherter, von der Natur schon fast wieder in Besitz genommener Ruinen. Auch später bereiste Lebedew als Reporter im Norden Russlands und Zentralasiens das „verrottende Erbe der Sowjetunion“2)Behring, S. (2013), Rezension/FAZ Russische Väter, russische Mütter (19.04.2013). Sergej Lebedew kämpft gegen Geschichtsvergessenheit, Web.  (zit. nach Rezensionen auf bücher.de

[letzter Zugriff: 21.02.2015], so Sabine Behring in ihrer Rezension Russische Väter, russische Mütter. Sergej Lebedew kämpft gegen Geschichtsvergessenheit in der FAZ vom 19.04.2013. Dabei stieß er immer wieder auf Überreste ehemaliger Lager (geographische Übersichtskarte des Gulag). Darüber hinaus sah Lebedew sich auch in der Lebensgeschichte seiner Familienangehörigen mit Spuren der stalinistischen Vergangenheit konfrontiert: der zweite Mann seiner Großmutter war Tschekist und wirkte als Gulag-Kommandant bei den stalinistischen Säuberungen mit. Lange nach dem Tod seines Stiefgroßvaters  – der leibliche war im Krieg gefallen – erfuhr Lebedew, dass diesem die zahlreichen Orden nicht für Verdienste im „Großen Vaterländischen Krieg“ verliehen worden waren, sondern vom NKWD für besondere Verdienste im Umgang mit Staatsfeinden. Neben den erschütternden Entdeckungen während seiner Reisen und den erwähnten familiären Verknüpfungen motivierte nicht zuletzt die unzureichende Auseinandersetzung der offiziellen sowjetischen/russischen Geschichtsschreibung mit dem Thema Stalinismus Lebedew dazu, dies alles in einem Roman zu thematisieren. Es ist sein erster Roman, er stand auf der Longlist des russischen Nazbest Preises 2011. Zuvor sind von ihm Gedichte, Essays und journalistische Texte veröffentlicht worden. 2013 war Lebedew Stipendiat am Literarischen Colloquium Berlin. Aktuell publiziert er auch in ostpol – Das Osteuropamagazin.

Cover - Sergej Lebedew: Der Himmel auf ihren Schultern

Cover – Sergej Lebedew: Der Himmel auf ihren Schultern

Die mangelhafte Aufarbeitung des unter Stalins Terrorherrschaft entstandenen Lagersystems ist eine der Leerstellen in der russischen/sowjetischen Geschichtsschreibung. Eine Auseinandersetzung damit findet nur in den Nischen der Gesellschaft statt. Hintergrundinformationen dazu und zu den Auswirkungen auf die Gegenwart finden sich in Stefan Plaggenborgs Artikel Geschönte Vergangenheit, der online am 20.10.2010 auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen ist.

In der Euphorie der Perestrojka, meint der 1981 in Moskau geborene Schriftsteller Sergej Lebedew, hätten seine Landsleute naiv geglaubt, man müsse die Wahrheit über den GULag und die anderen Verbrechen der Stalinzeit nur herausschreien, und die dunkle Vergangenheit sei vergangen.3)Ebd.

Behring macht in ihrer Rezension auch darauf aufmerksam, dass im hohen Norden und Fernen Osten Russlands Geologen und Hobby-Archäologen immer wieder auf grausame historische Relikte stießen:

In den Böden des Permafrostes wollen die Leichen der einstigen GULag-Sträflinge und Zwangsdeportierten einfach nicht verwesen, als wollten sich die Opfer damit ein Denkmal ertrotzen, das ihnen der russische Staat bis heute verwehrt.4)Ebd.

Nach dem Erscheinen des Buches in Russland hätten sich viele junge Leute an ihn gewandt, so Lebedew im Gespräch mit Behringer. Sie alle hätten ähnliche Erfahrungen mit dem unheilvollen Schweigen in ihren Familien gemacht. Dass sich die Russen so schwer mit der Verantwortung für und der Erinnerung an die Verbrechen täten, hänge für ihn damit zusammen, dass diese Greuel für die meisten irgendwo weit weg im geographischen Niemandsland geschahen. Zwar gebe es von Aktivisten organisierte Gedenkstätten, doch wer führe Tausende von Kilometern an die Kolyma oder nach Workuta, um sich die Überreste eines Lagers anzusehen.

Das stalinistische Lagersystem hatte im gesellschaftlichen Kontext eine Doppelfunktion: zum einen diente es Stalins Herrschaftssicherung, zum anderen war es ein fest integrierter Bestandteil der sowjetischen Ökonomie. So beschreibt Ralf Stettner in seinem Buch Archipel GULAG«: Stalins Zwangslager – Terrorinstrument und Wirtschaftsgigant  : Entstehung, Organisation und Funktion des sowjetischen Lagersystems 1928-1954 (1996), welch enorme wirtschaftliche Bedeutung der Gulag innehatte und in welch hohem Grade Terror, Gulag und Wirtschaft miteinander verknüpft waren. So wären ohne die Lager Kanäle nicht gebaut worden, strategisch wichtige Straßen und Eisenbahnlinien, viele Städte, Kombinate, Fabriken und Flughäfen nie entstanden.5)Exemplarisch sei hier auf die Rezension des Buches durch Markus Werner in der FAZ vom 18.07.1997 verwiesen, Web. [letzter Zugriff: 21.02.2015]

Aus der Literatur sind uns Alexander Solschenizyn (1918-2008) und Warlam Schalamow (1907-1982) als Chronisten des Gulag bekannt. Solschenizyn durch Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch (1962) und Der Archipel Gulag (1973), Schalamow durch seine Erzählungen aus Kolyma (verf. 1954-1970). In bis zu ihrem Erscheinen noch nie dagewesener Intensität wird hier Zeugnis abgelegt vom stalinistischen Massenterror und dem System der sowjetischen Arbeitslager.

Inna Herzog-Vahle und Sergej Lebedew während der Lesung aus dem russischen Original: "Predel zabvenija"

Inna Herzog-Vahle und Sergej Lebedew während der Lesung aus dem russischen Original: „Predel zabvenija“

Lebedew rollt dieses in der russischen Literatur seit Solschenizyn klassisch gewordene Thema aus einer  völlig neuartigen Perspektive auf – aus der Perspektive eines generationsübergreifenden Gedächtnisses, das die kurze Zeitpanne eines einzelnen Menschenlebens in den Hintergrund stellt. Dabei stellt er im Unterschied zu den beiden genannten Schriftstellern nicht das Martyrium der Opfer in den Vordergrund, sondern das Psychogramm eines greisen Täters, eines ehemaligen Lagerkommandanten, dem sogenannten zweiten Großvater des nachgeborenen Ich-Erzählers. Als Kind wird dieser durch den zweiten Großvater psychisch missbraucht, ohne das Machtspiel aus seiner kindlichen Perspektive durchschauen zu können. Noch im Erwachsenenalter leidet er an den traumatischen Auswirkungen, die die Zerstörung seiner sich gerade erst herausbildenden Individualität bewirkt hat. Der Ich-Erzähler begibt sich auf eine quälende Identitätssuche, die untrennbar verbunden ist mit der Aufdeckung der Vergangenheit des zweiten Großvaters. Ohne Überwindung des allseitigen Schweigens ist eine Enttraumatisierung des Individuums, aber auch der Gesellschaft, ebenso wenig möglich, wie eine positive Zukunftsgestaltung. Dabei ist der Weg des suchenden Ich-Erzählers gleichzeitig real und symbolisch: von den nur vagen Ahnungen zum Fokus der Vergangenheit, zum kulturellen Erbe, zu den Chimären des Kollektivgedächtnisses, um dann mit dieser Vergangenheit zusammenzuprallen, vorübergehend gar symbiotisch mit ihr zu verschmelzen, um sich daran anschließend paradoxerweise gerade mittels dieser Symbiose von der seelischen Last zu befreien. Diese inhaltliche Akzentuierung ist ein Novum in der zeitgenössischen Literatur Russlands, genauso wie Lebedevs Interesse an diesem Thema für einen Autor seiner Generation neu ist.

 

Dieser Protagonist, der zugleich der Erzähler ist, wird nun mit der Verpflichtung konfrontiert, dieses kulturell-historische, allgemeine Gedächtnis zu erwerben und es als sein persönliches anzunehmen, ja es durch sich selbst wie das eigene Blut fließen zu lassen,6)Dyakova, K. (2014), Rezension/literaturkritik.de  Ein langer Weg der Befreiung von der Vergangenheit. Der Roman „Der Himmel auf Ihren Schultern“ von Sergej Lebedew, Web. [letzter Zugriff: 21.02.2015]

so Ksenia Dyakova in ihrer Rezension „Ein langer Weg der Befreiung von der Vergangenheit“. Der Roman „Der Himmel auf Ihren Schultern“ von Sergej Lebedew,  die im Dezember 2014 auf literturkritik.de erschienen ist.

Für Andreas Breitenstein ist der Roman (Rezensionsnotiz aus der NZZ vom 16.07.2013)

eine sprachmächtige, atmosphärische Meditation über Erinnern, Vergessen, Europa und sein Anderes, untermauert von Tiefenpsychologie und Geschichtsphilosophie und Mythologie und erfüllt von aufklärerischem Drang.7)Breitenstein, A. (2013), Rezension/NZZ (16.07.2013), Web. (zit. nach Rezensionsnotiz auf perlentaucher.de) [letzter Zugriff: 21.02.2015]

In der westlichen Geschichtsforschung legte der englische Historiker Orlando Figes mit Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland (2012) ein Werk vor, das dank niedergeschriebener Interviews die Erlebnisse von Überlebenden des stalinistischen Terrors vor dem Vergessen bewahrt. Gemeinsam mit Mitarbeitern der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial führte er in Moskau, St. Petersburg und Perm ein Großprojekt der oral history durch. In Die Flüsterer breitet sich vor den Augen des Lesers eine Innenansicht des Sowjetsystems aus: von den Kindern der Bolschewiken, die meinten, auf Wesensmerkmale familiärer Bindung – wie Schutz, Intimität, Vertrauen und Liebe – verzichten zu können, bis hin zur quälend langsamen Überwindung des allseitigen Schweigens. 1956, auf dem Höhepunkt des Gulag, soll es etwa eine Millionen Lagerwächter gegeben haben. Dem Terrorsystem konnte niemand ganz ausweichen, schon weil niemand, bis in höchste Parteiämter hinein, vor ihm sicher war. Figes stellt eine Gesellschaft vor, in der unter der Bevölkerung Gleichmut und Passivität die Norm waren, er erzählt von der Alltäglichkeit eines Jahrzehnte dauernden Ausnahmezustands. Es wird mehr als deutlich, welch quasi archäologische Arbeit der Historiker leisten musste, um all die Traumata zutage zu befördern, die in den Tiefen der Verdrängung und Versiegelung verborgen lagen, ähnlich der Nachforschungsarbeit, die der Ich-Erzähler im Roman leisten muss, um die die individuelle und kollektive Vergangenheit aufzudecken.

Um dies zu unterstreichen, kann man auch Carmen Ellers Rezension Gulag-Roman „Ich wollte mein Blut vergießen“ auf Spiegel online vom 06.05.2013 heranziehen:

Die Täter verbergen sich, die Zeitgenossen verdrängen den Terror: „Alle Erschießungen, alle Morde waren vergessen, eine gesamte Epoche war auf den Grund des Gedächtnisses hinabgesunken.“ Wie ein Bergmann der Sprache gräbt sich der junge Geologe in die Geschichte des „zweiten Großvaters“. Benutzt Worte wie Werkzeuge, um das kollektive Schweigen zu brechen.8)Ellers, C. (2013), Rezension/ Spiegel online Gulag-Roman „Ich wollte mein Blut vergießen“ (06.05.2013), Web. [letzter Zugriff: 21.02.2015]

In seiner auf  Zeit Online am 14.08.2002 erschienenen Rezension lobt Jörg Barberowski Figes‘ meisterhafte Erzähltechnik und das kunstvolle Arrangement der Darstellung des

Alltag(s) in der Sowjetunion Josef Stalins, in dem Menschen unter dem Druck des Terrors als Individuen verschwunden und zu den titelgebenden „Flüsterern“ geworden seien. Aus dieser Welt erzeuge der britische Historiker Bilder und Stimmungen, die man nie wieder vergesse. Bringe Menschen zum Sprechen und rufe Lebensgeschichten aus dem Vergessen zurück, die beim Lesen ein Panorama der stalinistischen Zivilisation ergeben, wie es in dieser Form noch nie beschrieben worden sei.9)Barberowki, J. (2002), Rezension/Zeit online Leben in der Angst. (14.08.2002) Orlando Figes erzählt meisterhaft über den Alltag im stalinistischen Russland, Web. [letzter Zugriff: 21.02.2015]

Immer wieder zeigt sich Baberowski von Einzeldarstellungen erschüttert und schockiert über die alles beherrschende Atmosphäre des Hasses, der Angst und des Fanatismus.

Jörg Barberowski selbst erhielt bei der Leipziger Buchmesse 2012  für Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt (2012)10)Barberowski, J. (2012), Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, München. den Preis für die Kategorie Sachbuch/Essayistik. Er charakterisiert das stalinistische System als paranoid. In seiner Analyse kommt er u.a. zu dem Ergebnis, dass Gewalt im Stalinismus das normale Mittel der Politik  und der Ausnahmezustand der Normalzustand gewesen sei.  Gewalt sei für Stalin ein selbstverständlicher Bestandteil seines Lebens gewesen, d.h. die normale Vorgehensweise seines politischen Handelns, die keinerlei Rechtfertigung bedurft habe. Durch die in den Schauprozessen erzwungenen Geständnisse habe sich dieser paranoide Ausnahmezustand selbst bestätigt, daher sei auch keinerlei zivilisierter Rahmen mehr vorhanden gewesen. Es hätten keine klar abgrenzbaren Feinbilder mehr bestanden: reale Feinde, denkbare Feinde, wie sollte man sie unterscheiden?

In dem Beitrag Propaganda vom Sofa aus  aus der Zeitschrift Ostpol vom 07.11.2014 schreibt Lebedew, dass es wichtig sei zu verstehen,

dass die Beziehung zwischen Bürger und Staatsmacht in Russland für die Russen ein Trauma ist. Während Stalins Terrorherrschaft wurde in den 1930er-Jahren ein Loyalitätspakt zwischen der Gesellschaft und dem Staat gebrochen, der seit der Revolution von 1917 Bestand gehabt hatte. Von nun an galt: Du kannst deine Ergebenheit für die Sache der Partei beweisen, so viel zu willst, dennoch kann man dich jederzeit zum Feind erklären und erschießen lassen.11)Lebedew, S. (07.11.2014), Artikel/Ostpol Propaganda vom Sofa, Web.

In dem sehr aufschlussreichen am 28.04.2014 auf 3sat ausgestrahlten Interview. Peter Voß fragt  Jörg Barberowski: Verstehen wir Russland?  finden sich Erklärungen Barberowkis hinsichtlich des Funktionierens des stalinistischen Terrorsystems,  die m.E. einen nicht unbeträchtlichen Erkenntnisgewinn für das Verständnis von Der Himmel auf ihren Schultern bringen. Im Folgenden sei der Inhalt des Gesprächs diesbezüglich allerdings nur sehr oberflächlich angedeutet:

Der sowjetische Staat sei, so Barberowki in dem Interview, von Beginn an so schwach gewesen, dass seine Protagonisten für den Machterhalt auf Gewalt angewiesen gewesen sei. Eine der Bürgerkriegserfahrungen sei gewesen, dass man mit Gewalt Erfolg gehabt habe, und so sei die Gewaltausübung zu der alleinigen Machtressource geworden, die Anschlusszwänge erzeugt habe.

Wenn man einmal anfängt, die Gewalt sprechen zu lassen, dann verändert man eine Situation so, dass dann am Ende eine Dynamik entsteht, die man so nicht mehr so leicht unter Kontrolle hat. […] Wenn die Gewalt ausufert, und wenn sie sich gegen die eigene Bevölkerung richtet, wenn also die Wenigen die Vielen terrorisieren wollen, dann entsteht so etwas wie eine Belagerungsmentalität bei denjenigen, die Gewalt ausüben, die können dann nicht mehr zurück.12)Peter Voß fragt Jörg Barberowski (28.04.2014),  Interview – Web. [letzter Zugriff: 21.02.2015]

Gewalträume bräuchten allerdings für ihr Funktionieren Menschen, die sich darin bewegen könnten. Stalin sei ein Meister darin gewesen, mit Gewalt umzugehen „ein skrupelloser Psychopath und Sadist“, der seine Herrschaft auf Furcht und Schrecken aufbaute. Der Terror sei keine Folge des Systems, sondern allein durch Stalins Persönlichkeitsstruktur bedingt gewesen. Bei der Durchsicht der Akten aus dem Stalin-Archivbestand stellte Barberowski fest, dass […] die Täter […] nicht über Ziele [redeten], sondern über Gewalttechniken“„Sie rechtfertigten das voreinander nicht, sondern sie redeten darüber, als sei es das Normalste von der Welt.“13)Peter Voß fragt Jörg Barberowski (28.04.2014),  Interview – Web. [letzter Zugriff: 21.02.2015]

In seiner Besprechung von Verbrannte Erde am 18.03.2012 im Deutschlandfunk, sagt Martin Edel, dass Stalin ein lustvoller Gewalttäter gewesen sei, der seines Zeichens einen proletarischen Männlichkeitskult nach sich gezogen habe. Der Terror sei die Feuertaufe des stalinistischen Funktionärs gewesen. Nach dem Beschluß des Politbüros des CK der VKP(b), 31. Juli 1937, und Einsatzbefehl des Volkskommissars für Innere Angelegenheiten der UdSSR Nr. 00447 über die Repressivmaßnahmen gegen ehemalige Kulaken, Kriminelle und andere antisowjetische Elemente, 30. Juli 1937 sei das Töten nach Quote geschehen nach dem Motto „besser zu viel, als zu wenig“. Die monströse Vernichtungspolitik sei von Stalin selbst ausgegangen, einem „glücklichen Mensch, der sich an den Seelenqualen seiner Opfer erfreute“.14)Edel, M. (2012), Rezension im Deutschlandfunk (18.03.2012), Web. [letzter Zugriff: 21.02.2015]

IMAG0836

Christine Ruis liest Passagen aus der deutschen Übersetzung

Für ihre ausdrucksstarke Lesung aus der deutschen Übersetzung des Romans hatte Christine Ruis zwei Textpassagen ausgewählt, die am Beispiel des Verhaltens des zweiten Großvaters m.E. gerade diese Persönlichkeitsstruktur der Täter veranschaulichen. Auszüge aus der Lesung seien hier nur andeutungsweise genannt:

Die erste Passage zeigt aus der kindlichen Perspektive des Ich-Erzählers auf, wie er den psychischen Machtmissbrauch durch den zweiten Großvater empfindet, hier symbolhaft in der Prozedur des Haareschneidens versinnbildlicht:

[…] das Haareschneiden erschien mir wie ein kleiner Tod […]. Man wollte mich „auf null“ bringen, wieder zum Säugling machen, das heißt, mir das Wenige nehmen, was gelebt hatte und in meiner Haarlänge sichtbar war […]. Zum zweiten Großvater passte dieser Vorschlag wie zu niemandem sonst: Läuse, Kerosin, Kahlscheren – das roch nach vergangenen Zeiten, nach kriegsbedingten Obdachlosen, nach Härte […] aber in mir reifte das Gefühl, dass es nicht nur ums Haareschneiden ging, dass der zweite Großvater beschlossen hatte – und das würde niemand verstehen! – mich in seine Macht zu bringen […]. Ich fühlte also, dass das Haareschneiden diesmal einen zweiten, zusätzlichen Sinn bekäme. Indem er mich von den Läusen befreite, wollte der zweite Großvater in Wirklichkeit Macht über mich gewinnen, und mein geschorener Kopf kam mir wie der haarlose Schädel eines Neugeborenen vor […]. Ich hatte mich davon überzeugt, dass der zweite Großvater mich zu dem machen wollte, was er selbst war – einen Gegenstand […]. Ich saß in der Falle und wagte nicht einmal, an Flucht zu denken.15)Lebedew, S. (2013), S. 42ff.

Die zweite Passage zeigt, wie der zweite Großvater sich während seiner Zeit als Lagerkommandant gegenüber seinem leiblichen Sohn verhalten hat. Er hatte einem Schnitzer unter den Häftlingen den Auftrag gegeben, für seinen Sohn als Geschenk ein Miniaturstraflager zu bauen:

Das Spielzeug ahmte in allem das echte Lager nach, und es fehlte nur eine Figur inmitten des Spielzeugs – die Figur des zweiten Großvaters […]. Er hatte seinem Sohn ein Spielzeuglager geschenkt, damit dieser am Schicksal seines Vaters teilhatte und sein eigenes aus dessen Händen empfing […]. Mit seiner Bestellung bei den Handwerkern hatte der zweite Großvater, ohne es zu merken, die Schraube überdreht. Zuvor war er Kommandant von Lagerleitern gewesen, kein besserer oder schlechterer in einer Zeit, dessen Antriebskraft eine gesichtslose Schreibtischgrausamkeit war.16)Ebd., S. 255ff.

Nachdem er seinem Sohn das Geschenk gegeben hat, zerstört dieser es und wird daraufhin von ihm in seinem Zimmer eingesperrt, mit dem Befehl, das Spielzeuglager wiederherzustellen:

Der zweite Großvater sah in seinem Sohn einen Verräter, er hätte sich von ihm losgesagt, wenn es so etwas schon gegeben hätte […]. Der zweite Großvater bestrafte den Jungen nicht – er zwang ihn, sich selbst abzuschwören. […] Das siebenjährige Kind sollte nicht nur sich selbst abschwören, es sollte sich jeden Tag verfluchen, erst dann würde der zweite Großvater ihn annehmen, zerstört und innerlich aufgeweicht; dann könnte er sich einen anderen Sohn modellieren.17)Ebd., S. 259.

Der Sohn kann sich aus seinem Gefängnis befreien und bringt sich in dem Steinbruch des Lagers um:

Der zweite Großvater sagte sich von seinem Sohn los – ein zweites Mal hatte der es gewagt, sich seinem Willen zu widersetzen […]. Für den zweiten Großvater war das zerstörte Spielzeugstraflager der Wahsinn eines Geisteskranken. Der zweite Großvater grenzte sich sofort von dem toten Jungen ab und kehrte in seinem Gedächtnis zu jenem gehorsamen, richtigen Sohn zurück, der er noch einige Monate zuvor gewesen war […] Er sprach mit dem anderen Kind, behielt das andere Kind im Gedächtnis, mit dem das Unumkehrbare noch nicht geschehen war. Dennoch verschaffte sich die schreckliche, herrschsüchtige Vaterschaft in ihm gegen seinen Willen Gehör: Der durch den Sturz zerstörte Körper des Jungen schien wie von starker Hand zerquetscht und zu Boden geworfen, und der zweite Großvater presste seine Fäuste so zusammen, dass man dachte, seine Hand sei es gewesen.18)Ebd., S. 262f.

In der sich der Lesung anschließenden Gesprächsrunde sagte Sergej Lebedew, dass in Russland eine Literatur der Wahrhaftigkeit (literatura pravdy) nötig sei, die des Künstlerischen nicht entbehren dürfe. Die bisherige Literatur ende damit, dass der Mensch überlebt habe, das, was nachher passiert sei, das, was er seinen Kindern überlassen habe, werde allerdings nicht thematisiert. Reaktionen auf die Veröffentlichung seines Romans seien z.B. gewesen: jetzt verstehe ich, wer der Cousin meiner Oma war, endlich habe man die Stärke der Persönlichkeit verstanden, die man bisher nicht habe einordnen können; jetzt hätten die Ängste endlich ein Gesicht und einen Namen bekommen. Innerhalb des stalinistischen Systems hätten die Menschen, so Lebedew, ihre animalischen Züge verwirklichen können, indem sie Macht über andere Menschen ausübten. Später hätten sie sich indessen leicht in nette Opas verwandeln können, die zur Kirche gehen, und dies mit dem Selbstverständnis, das Richtige getan zu haben, selbst wenn es ein Verbrechen gegen die Menschheit war. Die Möglichkeit der Verwandlung der Täter in einen netten Opa mache ihm Angst. Er könne sich nur schwerlich vorstellen, dass die Täter gemeint hätten, alle Insassen der Lager seien Verbrecher gewesen. Die Inhaftierten seien für sie nichts anderes als Material gewesen. Sein Buch sei ein Versuch zu zeigen, wie Erfahrung weitergeleitet wird. Es sei der erste Versuch auf diesem Gebiet, da das Thema bisher nur in  Schweigen gehüllt gewesen sei. Die Erwachsenen, die gewusst hätten, was hinter diesem Schweigen steht, hätten die Schweigesprache beherrscht. Für die Kinder hingegen seien dies verschlossene Territorien gewesen. Sein Buch stelle den Versuch dar, diese Territorien zu öffnen, um ihr Verstehen zu ermöglichen.
Auf die Frage nach der psychischen Verfasstheit der Täter antwortete Lebedew, dass sie verdächtig gesund seien, denn wenn man sie als psychisch nicht normal charakterisiere, könne man sich leicht von ihnen abgrenzen. Nichtnormales sei zu den Zeiten normal gewesen.

Fazit: Unbedingt lesenswert, inhaltlich beeindruckend und aufwühlend, stilistisch sehr anspruchsvoll!

 

Zum Stil des Romans seien an dieser Stelle nur einige Zitate aus zweien der weiter oben angeführten Rezensionen angeführt:

Lebedew wählt einen poetischen, zuweilen etwas metapherntrunkenen Weg – aber einen durchaus überzeugenden. Er betrachtet die Vergangenheit wie eine Versteinerung, sie ist stumm und beredt zugleich. Er geht wie ein Archäologe oder eben wie ein Geologe vor, der weiß, dass das zutage Geförderte etwas ist, das unser heutiges Sein und Bewusstsein prägt – wie weit es auch zurückliegen mag. „Ich sehe und erinnere mich. Und dieser Text ist wie ein Denkmal, wie eine Klagemauer, wenn die Toten und Trauernden sich nirgendwo treffen können als an der Mauer der Worte, die Tote und Lebende vereint“, schreibt Lebedew nicht ganz frei von Pathos. Aber es ist ein aufrüttelndes, literarisches Pathos, das einen eindrucksvollen Roman trägt.19)Rüdenauer, U. (2013), Rezension/SZ,  Im Bauch der Erde. (07.09.2013) Der junge russische Autor und Geologe Sergej Lebedew sucht in seinem Roman „Der Himmel auf Ihren Schultern“ nach den Lagern des Stalisnismus, Web. (zit. nach Rezensionen auf bücher.de) [letzter Zugriff: 21.02.2015]

Die wichtigsten künstlerischen Verfahren, auf denen der Romantext beruht, sind der Vergleich und die Metapher. Und solange das Erzählen um das Kollektivgedächtnis kreist, findet Lebedew schöne literarische Formen zur Erklärung von dessen Mechanismen.20)Dyakova, K. (2014), Rezension/literaturkritik.de  Ein langer Weg der Befreiung von der Vergangenheit. Der Roman „Der Himmel auf Ihren Schultern“ von Sergej Lebedew, Web. [letzter Zugriff: 21.02.2015]

Genauso ist jede Figur im Buch eine verallgemeinerte Gestalt, die keine konkreten Züge trägt, sondern in deren Erscheinung die Züge der vorherigen Generationen zum Vorschein kommen. Kein Gesicht ist deutlich, kein Name ist genannt. Der Protagonist, der Erzähler, wird niemals im Roman beim Namen genannt; sein mit ihm nicht verwandter Großvater ist bloß ein zweiter Großvater. Etwas Namenähnliches hat nur ein Panzersoldat – „Onkel Wanja-Eisenhals“, aber es ist dabei klar, dass ein Name wie Onkel Wanja, auch von Tschechow abgesehen, universal (russischer Iwan) ist wie ein Name von jedem und niemandem.21)Dyakova, K. (2014), Rezension/literaturkritik.de  Ein langer Weg der Befreiung von der Vergangenheit. Der Roman „Der Himmel auf Ihren Schultern“ von Sergej Lebedew, Web. [letzter Zugriff: 21.02.2015]

Lebedew schreibt auf eine meditative Weise: Von einer Assoziation zu einer Erinnerung enthüllen sich die Bedeutungen von Bildern; der ihnen zugrunde liegende Sinn wird erläutert, ihre Symbolik wird erklärt. Die Folge davon ist das im Ganzen ziemlich langsame Erzähltempo. Eine solche Schreibweise ist poetisch und atmosphärisch zugleich, jedoch ist diese Meditation in keinem Augenblick positiv, ganz im Gegenteil – es scheint, dass kein anderes Wort auf den Seiten des Buches so oft vorkommt wie der Tod. Die Menge der Beschreibungen und Assoziationen ist absichtlich ‚anatomisch‘, und genau das ist die Anatomie des Todes – die Verwesung, der Modergeruch, der Prozess der langsamen, qualvollen Zersetzung. Es scheint, als wäre der den Leser ständig erfüllende Wunsch, sich von der Omnipräsenz des Todes zu distanzieren, auch ein Teil der Autorintention: Auf diese Weise soll die emotionale Schwierigkeit beim Durchschreiten des gewählten Weges demonstriert werden, auf dem ein Mensch gleichsam zum Augenzeugen von Verbrechen der Vergangenheit wird.22)Dyakova, K. (2014), Rezension/literaturkritik.de  Ein langer Weg der Befreiung von der Vergangenheit. Der Roman „Der Himmel auf Ihren Schultern“ von Sergej Lebedew, Web. [letzter Zugriff: 21.02.2015]

Die Schreibweise Lebedews ist der ständige Bewusstseinsstrom, während seine verbalen Bilder der abstrakten Malerei am nächsten sind. Typisch für beide ist das ‚geologische‘ Verfahren, sich den Raum durch den Prozess der Beschreibung anzueignen. In diesem Sinne wird der geeignete Raum mit den Gefühlen und Assoziationen des Erzählers zusammengeführt, so dass die Außenwelt der persönlichen Ansicht und den individuellen Kontexten unterworfen wird.23)Dyakova, K. (2014), Rezension/literaturkritik.de  Ein langer Weg der Befreiung von der Vergangenheit. Der Roman „Der Himmel auf Ihren Schultern“ von Sergej Lebedew, Web. [letzter Zugriff: 21.02.2015]

Aktuelle journalistische Artikel von Sergej Lebedew in ostpol – Das Osteuropamagazin.

Literaturverzeichnis   [ + ]

1. Lebedew, S. (2013), Der Himmel auf ihren Schultern, Frankfurt a.M.
2. Behring, S. (2013), Rezension/FAZ Russische Väter, russische Mütter (19.04.2013). Sergej Lebedew kämpft gegen Geschichtsvergessenheit, Web.  (zit. nach Rezensionen auf bücher.de
[letzter Zugriff: 21.02.2015]
3, 4. Ebd.
5. Exemplarisch sei hier auf die Rezension des Buches durch Markus Werner in der FAZ vom 18.07.1997 verwiesen, Web. [letzter Zugriff: 21.02.2015]
6, 20, 21, 22, 23. Dyakova, K. (2014), Rezension/literaturkritik.de  Ein langer Weg der Befreiung von der Vergangenheit. Der Roman „Der Himmel auf Ihren Schultern“ von Sergej Lebedew, Web. [letzter Zugriff: 21.02.2015]
7. Breitenstein, A. (2013), Rezension/NZZ (16.07.2013), Web. (zit. nach Rezensionsnotiz auf perlentaucher.de) [letzter Zugriff: 21.02.2015]
8. Ellers, C. (2013), Rezension/ Spiegel online Gulag-Roman „Ich wollte mein Blut vergießen“ (06.05.2013), Web. [letzter Zugriff: 21.02.2015]
9. Barberowki, J. (2002), Rezension/Zeit online Leben in der Angst. (14.08.2002) Orlando Figes erzählt meisterhaft über den Alltag im stalinistischen Russland, Web. [letzter Zugriff: 21.02.2015]
10. Barberowski, J. (2012), Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, München.
11. Lebedew, S. (07.11.2014), Artikel/Ostpol Propaganda vom Sofa, Web.
12, 13. Peter Voß fragt Jörg Barberowski (28.04.2014),  Interview – Web. [letzter Zugriff: 21.02.2015]
14. Edel, M. (2012), Rezension im Deutschlandfunk (18.03.2012), Web. [letzter Zugriff: 21.02.2015]
15. Lebedew, S. (2013), S. 42ff.
16. Ebd., S. 255ff.
17. Ebd., S. 259.
18. Ebd., S. 262f.
19. Rüdenauer, U. (2013), Rezension/SZ,  Im Bauch der Erde. (07.09.2013) Der junge russische Autor und Geologe Sergej Lebedew sucht in seinem Roman „Der Himmel auf Ihren Schultern“ nach den Lagern des Stalisnismus, Web. (zit. nach Rezensionen auf bücher.de) [letzter Zugriff: 21.02.2015]

Die Rolle der französischen Sprache und Kultur in Rumänien

Dr. Anneli Gabanyi und Dr. Klaus Netzer /DFG Bielefeld

Dr. Anneli Gabanyi und Dr. Klaus Netzer /DFG Bielefeld

Im Kontext der bereits besprochenen Ausstellung Rumänien – Ein Jahrhundert LandLeben – hielt Dr. Anneli Ute Gabanyi  am 03.02.2015 auf Anregung der Deutsch-Französischen Gesellschaft Bielefeld e.V. einen ebenso kenntnisreichen wie lebhaften Vortrag mit dem Thema Bukarest – Paris des Ostens. Durch das Engagement von Dr. Klaus Netzer gelang es der DFG, eine so hochkarätige Wissenschaftlerin wie Frau Dr. Gabanyi in Bielefeld zu begrüßen zu können.

Frau Dr. Gabanyi stellte das Thema ihres Vortrages als ein europäisches vor: „Gerade in unserer Zeit der (wieder einmal) neu aufflammenden nationalen Egoismen in Europa,

[…] ist es auf unserem Kontinent eminent wichtig, das Verständnis füreinander und den gegenseitigen Respekt der europäischen Völker zu wecken, die historisch und kulturell so vieles verbindet. Es ist ja gerade diese Einheit  in der Vielfalt, die unser Europa so einzigartig in der Welt gemacht hat.“

Bevor ich auf den Vortrag eingehen werde, seien an dieser Stelle neben einigen Hintergrundinformationen zu der engen Verbindung zwischen Rumänien und Frankreich auch einige Anmerkungen zur Frankophonie in Rumänien angeführt, die ich dem am 19.09.2006 veröffentlichten politischen Kurzbericht von Günther Dill, Maria Vasiu und Georgeta Voinea Rumänien vor dem Frankophonie-Gipfel entnommen habe, welcher für die Außenstelle der Konrad-Adenauer-Stiftung Bukarest verfasst wurde:

Rumänien gehört seit 1991 zur internationalen Frankophonie-Bewegung, seit 1993 als Vollmitglied. So wurde in Rumänien auch das Jahr 2006  als Jahr der Frankophonie gefeiert und auch der Frankophonie-Gipfel vom 25.- 29. September 2006 mit zahlreichen Veranstaltungen fand in Bukarest statt.

Einige statistische Fakten aus dem oben angeführten Bericht seien im Folgenden zitiert: 1)Dill, G. W., Vasiu M., Goergeta, V. (2006), Web. [letzter Zugriff: 08.02.2015]

  • 14000 Lehrer unterrichten Französisch für knapp 2 Millionen Schüler (d.h. 88% der rumänischen Schüler lernen Französisch als Fremdsprache)
  • landesweit gibt es 70 zweisprachige rumänisch-französische Schulen
  • auf universitärem Niveau werden 40000 Studenten in Französisch geschult durch frankophone Institutionen, auch durch universitäre Einrichtungen von Mitgliedsländern

Darüber hinaus ist in Rumänien der französische Einfluss auch in anderen Bereichen sehr beachtlich:

  • die erste rumänische Verfassung von 1866 orientierte sich an der belgischen Verfassung von 1831, die stark vom französischen Konstitutionalismus beeinflusst war
  • noch während des letzten Jahrhunderts war der Gebrauch des Französischen in den rumänischen Verwaltungen verbreitet
  • das Wahlsystem war bis zur Zwischenkriegszeit von Belgien beinflusst
  • auch die Modernisierung des politischen und administrativen Systems in Rumänien ist stark von Frankreich beeinflusst
  • die intellektuellen Eliten sind von Frankreich geprägt worden
  • das rumänische Zivilgesetzuch von 1923 hatte den französischen Code Napoléon zum Vorbild
  • in kultureller, wissenschaftlicher und technischer Hinsicht hat sich die Kooperation zwischen Rumänien und Frankreich in den vergangenen Jahren intensiviert, ebenso die Wirtschaftsbeziehungen, hier rangiert Frankreich als viertwichtigster Partner Rumäniens

Ich möchte mich bei der folgenden selektiven Wiedergabe einiger Aussagen aus dem Vortrag von Frau Dr. Gabanyi auf die Punkte beschränken, die mit der Interaktion zwischen Rumänien und Frankreich zu tun haben. Zum besseren Verständnis einiger historischer Begriffe werde ich anhand von Internet-Quellen Erklärungen heranziehen.

Gleich zu Beginn stellte die Referentin die Baugeschichte des Bukarester Triumphbogens Arcul de Triumf  vor, bildliches Symbol für die französisch-rumänischen interkulterellen Beziehungen und Replique des in Paris errichteten Arc de Triomphe.  Für die rumänische Hauptstadt, das „Paris des Ostens“, wurde er, der „kleinere Bruder der französischen Arc de Triomphe“ zur Erinnerung an den Sieg der Rumänen im Ersten Weltkrieg konzipiert und nach einer langen Baugeschichte 1936 in Gegenwart der königlichen Familie eingeweiht. Finanziert wurde er ausschließlich mit Spendengeldern der Bevölkerung. Der Architekt Petre Antonescu, der in Paris studiert hatte, entwarf das riesige Bauwerk nach klassisch-römischer Art. Zum rumänischen Nationalfeiertag am 1. Dezember 1936 wurde er eingeweiht, genau 100 Jahre nach der Einweihung des Originals in Paris.

Frau Dr. Gabanyi während des Vortrags

Frau Dr. Gabanyi während des Vortrags

Im Anschluss daran stellte Frau Dr. Gabanyi eine notwendigerweise summarische Analyse des Charakters und der Wirkungsweise des französischen Einflusses in Rumänien vor. Nach dem rumänischen Literatur- und Mentalitätsforscher Pompiliu Eliade sei dies ein absoluter Sonderfall in der Geschichte der Interaktion zwischen zwei europäischen Völkern. Zum einen, so Eliade, handle es sich um eine Interaktion, die zwischen zwei geographisch entfernten Ländern stattgefunden habe, zum anderen handle es sich  nicht um eine Interaktion zwischen einem siegreichen und einem besiegten und besetzten Land.

Der französische Einfluss konzentrierte sich auf die rumänischen Fürstentümer Moldau und Walachei, findet sich jedoch nicht in dem zum Habsburgerreich gehörenden Siebenbürgen.

„In den Donaufürstentümern hingegen – und dies ist eine weitere historisch bedingte Besonderheit – nahm der französische Einfluss erst einmal den Umweg über Griechen und Russen.“ 2)Gabanyi, A. U. (2015), Vortrag 03.02.2015 Die Rolle der französischen Sprache und Kultur in Rumänien, BauernhausMuseum Bielefeld.

Der rasante Modernisierungsprozess in allen kulturellen Gebieten ist nach Gabanyi ohne den französischen Einfluss undenkbar. Das Französische war in der Kulturgeschichte Rumäniens während großer Zeiträume die diplomatische Lingua franca.

Die Fürstentümer Moldau und Walachei  hatten  sich ihre innere Selbstständigkeit gegenüber den Osmanen bewahren können. Die Unzuverlässigkeit der lokalen Fürsten veranlasste die Osmanen, – in der Moldau ab 1711 und in der Walachei ab 1716 -, griechische Adlige, die Phanarioten, in statthalterischer Funktion auf den Fürstenthron zu setzen. Sie waren nicht nur exzellente Sprecher des Französischen als der damaligen lingua franca, sondern auch Kenner und Bewunderer der französischen Kultur.

„Ihnen ist es zu verdanken, dass die französische Sprache und Kultur und nicht zuletzt auch das Gedankengut der Aufklärung seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert in den Fürstentümern Verbreitung fanden.“ 3)Gabanyi, A. U. (2015), Vortrag 03.02.2015 Die Rolle der französischen Sprache und Kultur in Rumänien, BauernhausMuseum Bielefeld.

Unter Phanarioten (griechisch Φαναριώτες) versteht man,  insbesondere in den Ländern des ehemaligen Osmanischen Reichs auf dem Balkan, einen kleinen Kreis wohlhabender und politisch einflussreicher griechischstämmiger byzantinischer Adelsfamilien, die im Osmanischen Reich des 17./18. Jahrhunderts die Oberschicht in Phanar, einem Stadtteil Konstantinopels, bildeten. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 zog die Oberschicht der griechischen Bevölkerung in das Viertel Phaner. Vor allem griechische Kaufleute und Priester ließen sich im äußersten Nordwesten des späteren Istanbuls nieder. Bei den Osmanen hatten diese Griechen bis zum griechischen Unabhängigkeitskrieg (1821 -1829) den Ruf,  besonders loyale nichtmuslimische Untertanen zu sein. Die Phanariotenherrschaft endete im Jahre 1821. Während auch nach dem Ersten Weltkrieg und der Gründung der Republik Türkei 1923 noch zahlreiche Griechen in Istanbul lebten, setzte nach dem sogenannten „Pogrom von Istanbul“ am 7. September 1955 ein massiver Exodus ein.

Ihre soziale Akzeptanz wie auch die Möglichkeit zum Aufstieg in höchste Positionen im osmanischen Verwaltungsdienst verdankten die Phanarioten in erster Linie dem ungeheuren Reichtum, den ihre Vorfahren als Händler im 17. Jahrhundert angehäuft hatten. Sie dienten nun der osmanischen Regierung und ihren Botschaftern als Dragomane (Dolmetscher). Diese ihre Funktion sowie die darauf gründende Entsendung in die Fürstentümer resultierte daraus, dass ein Vers des Korans den Osmanen verbot, sich mit den Ungläubigen in deren Sprache zu unterhalten. Folglich brauchte man Übersetzer. In der Zeit von 1711 bis 1821, die als phanariotische Periode in die Geschichte Rumäniens eingegangen ist, regierten sie als vom Sultan eingesetzte Hospodare (altslawisch gospodĭ: Herr) die Donaufürstentümer und die osmanischen Vasallenstaaten Moldau und Walachei, denen sie folgerichtig in kultureller Hinsicht nachhaltig den Stempel der an Frankreich orientierten Elite aufdrückten, da ihr Bildungsideal in der französischen Kultur verankert war. (von mir aus Quellen herangezogene Informationen)

Die Phanariotenherrschaft wird negativ bewertet, da die Phanarioten sehr raffgierig waren, daraus resultierend, dass ihr Aufenthalt nur vorübergehend war. Das Gedankengut der Aufklärung war in den Fürstentümern sehr verbreitet, die Schriften Voltaires waren in einem solchen Maße bekannt, dass der orthodoxe Patriarch sie verbot. Die griechischen Statthalter ließen ihre Kinder in Frankreich studieren und brachten in ihrem Gefolge französische Pädagogen, Sekretäre, Ärzte und sogar Köche nach Bukarest und Jassy. Die französische Mode wurde von ihren begüterten rumänischen Untertanen nach Kräften imitiert. Diese schickten ihre Söhne ebenfalls zum Studium nach Paris, wo sie neben der französischen Sprache auch die französische Lebensart und Mode kennenlernten und nach ihrer Rückkehr auch in den Fürstentümern verbreiteten. Es entstanden infolgedessen Konflikte mit der Generation der konservativen Eltern, denn  die Heimkehrer versuchten, jenen zu vermitteln , wie man einen fortschrittlichen Lebensstil führt. So wurden sie denn auch verächtlich, in Ableitung von dem französischen ‚Bonjour‘  bonjuristi  genannt. Unter den Rückkehrern waren auch viele Rechtsgelehrte, die begannen, die Gesellschaft und das Rechtsystem umzukrempeln. 1821 wurden die Phanarioten schließlich vertrieben. Um 1830 war die Aneignung des Französischen in den Fürstentümern Moldau und Walachei nicht nur quantitativ verbreitet, sondern auch in einem so starken Maße mental verinnerlicht, dass ein eingereister Franzose beim Besuch eines Salons vergessen konnte, dass er sich in einem fremden Land befand. Natürlich gab aber es auch massive Kritik an der übertriebenen sprachlichen und stilistischen Mimikry durch die gebildeten Rumänen,  die sich in Werken vor allem der dramatischen Literatur in karrikaturhafter Verzerrung  der sogenannten frantuziti, der Französisierten, Bahn brach.

Als zweiten Kanal, der die Verbreitung der französischen Sprache, Kultur  und des savoir vivre in Rumänien beförderte, nannte die Referentinder den Lebensstil der adligen, gebildeten, ebenfalls frankophilen Offiziere der russischen Besatzungsarmee,  deren Besatzungszeit insgesamt sechs Jahre dauerte. Seit dem Frieden von Küçük Kaynarca (1774) zwischen dem Osmanischen Reich und Russland gerieten die Donaufürstentümer, denen ab 1822 wieder einheimische Fürsten vorstanden, zunehmend unter russischen Einfluss und wurden von Russland von 1828 bis 1834 besetzt. Die russische Niederlage im Krimkrieg (1853/54 – 1856) beendete dann den russischen Einfluss. Die russischen Offiziere und Adligen regten durch ihren französisch geprägten Lebensstil in den Salons eine weitere Nachahmung der französischen Lebensart an.

„Für die jungen Moldauer und Walachen, die es in immer größeren Scharen zum Studium nach Paris zog, so der Mentalitätsforscher Lucian Boia, bedeutete das Französische bald mehr als eine Sprache der Kommunikation und der Kultur: vielen von ihnen sollten durch das Französische ‚eine neue Seele‘ finden.“ 4)Gabanyi, A. U. (2015), Vortrag 03.02.2015 Die Rolle der französischen Sprache und Kultur in Rumänien, BauernhausMuseum Bielefeld.

In der ersten Hälfte des Hälfte des 19. Jahrhunderts musste sich die rumänische Sprache entsprechend dem kulturellen und gesellschaftlichen Fortschritt erneuern. Dies vollzog sich durch die Einführung einer Vielzahl von neuen Begriffsschöpfungen, Nachbildungen und Lehnübersetzungen. Die sprachliche Modernisierung fand in der Moldau und der Walachei durch eine massive Übernahme bzw. Angleichung französischer Ausdrücke statt, die in die Sprache der gehobenen Schichten Eingang fanden.

Die Referentin weist darauf hin, dass vor dem Einbruch des Englischen der Anteil französischer Übernahmen im Rumänischen bei 40% des Wortschatzes betrug; deren Frequenz betrug 20%, natürlich vor allem im intellektuellen Diskurs.

In der zweiten Hälfte des 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert waren es im Bereich der Literatur vor allem die modernen französischen Lyriker wie Verlaine, Baudelaire und Mallarmé und der französische Schriftsteller André Gide, die die rumänischen Schriftsteller zur Schaffung von Meisterwerken anregten.

Frau Dr. Gabanyi nannte die Sprachbegabtheit der Rumänen als Grund für deren Anpassungsfähigkeit. Die Grenzlage des Landes zwischen Okzident und Orient, die zahlreichen dort lebenden ethnischen und religiösen Minderheiten und auch die ausgeprägten geographischen Unterschiede zwischen den verschiedenen Kulturlandschaftenspielen spielen diesbezüglich eine bedeutende Rolle und erlaubten  – und erlauben –  den gebildeten Rumänen einen leichteren Zugang zu Fremsprachen wie Italienisch, Französisch, Englisch, Spanisch oder auch Portugiesisch.

Im Weiteren unterbreitete Gabanyi Ausführungen dazu, dass es neben der „notorischen Liebesbeziehung zwischen den beiden Nationen“ 5)Gabanyi, A. U. (2015), Vortrag 03.02.2015 Die Rolle der französischen Sprache und Kultur in Rumänien, BauernhausMuseum Bielefeld., auch einen zweiten, höchst fruchtbaren Austausch Rumäniens mit Deutschland gegeben habe, „…also quasi eine „Dreierbeziehung“,  durch deren Zusammenwirken das moderne Rumänien erst entstanden ist.“ 6)Gabanyi, A. U. (2015), Vortrag 03.02.2015 Die Rolle der französischen Sprache und Kultur in Rumänien, BauernhausMuseum Bielefeld.

Auf den kulturellen Einfluss von Deutschland auf Rumänien werde ich an dieser Stelle allerdings nicht weiter eingehen.

Insgesamt war dieser Vortrag eine große intellektuelle Bereicherung für die anwesenden ZuhörerInnen. Mir selbst war vorher nicht bewusst, wie intensiv der französische Einfluss in der rumänischen Geschichte war und ist und auf welchen Wegen er sich verbreitete.

Literaturverzeichnis   [ + ]

1. Dill, G. W., Vasiu M., Goergeta, V. (2006), Web. [letzter Zugriff: 08.02.2015]
2, 3, 4, 5, 6. Gabanyi, A. U. (2015), Vortrag 03.02.2015 Die Rolle der französischen Sprache und Kultur in Rumänien, BauernhausMuseum Bielefeld.

Rumänien – Ein Jahrhundert LandLeben

Ausstellungsplakat am verschneiten BauernhausMuseum Bielefeld

Verschneites BauernhausMuseum Bielefeld

Am Sonntag, 01.02.2015,  fand die Vernissage zu der Ausstellung Rumänien – ein Jahrhundert LandLeben im Bielefelder BauernhausMuseum statt. Gezeigt werden hier bis zum 10.03.2015 Fotografien von Jürgen Graetz und Huib Rutten sowie Bilder von Peter August Böckstiegel. Hinzu kommen detailliert kommentierte Abschriften von Briefen, die der westfälische Maler an seine spätere Ehefrau Hanna während seiner Stationierung in der rumänischen Stadt Târgoviște in den Kriegsjahren 1917/18 schrieb. Der Künstler war Anfang 1915 als Landsturmmann zum Kriegsdienst eingezogen worden. Nach Stationen in Russland wurde er 1917 bis 1918 in Rumänien und schließlich in der Ukraine eingesetzt. Während des Krieges setzte er – soweit es ihm unter diesen Bedingungen möglich war – sein künstlerisches Schaffen fort: so stehen Szenen aus seiner vom Soldatenleben geprägten unmittelbaren Umgebung neben Darstellungen, die das ländliche Leben der Bevölkerung künstlerisch zum Ausdruck bringen. Die Ausstellungsvorbereitungen haben vier Monate gedauert; die Idee dazu entstand im Freundeskreis der an ihrer Umsetzung Beteiligten, und sie wurde von ihnen mit viel Engagement zum Ende gebracht, ein Engagement, das sich in der gut durchdachten, ansprechenden Präsentation der Exponate widerspiegelt.

Freundlich unterstützt wurde das Projekt von der Deutsch-Französischen Gesellschaft Bielefeld e.V., dem Frankreich-Zentrum Bielefeld sowie der VHS Bielefeld.

Mehrere Abendveranstaltungen mit Vorträgen zum Thema „Von der Romania bis Europa“ werden die Ausstellung begleiten. Das Ziel der Vortragsreihe ist u.a., ein differenzierteres Bild, als wir es im Allgemeinen haben, von Rumänien als „Kulturraum der Romania“ in Europa zu vermitteln . (Informationen zur Vortragsreihe s.u.)

 

Eingangsbereich der Ausstellung im BauernhausMuseum Bielefeld

Eingangsbereich der Ausstellung im BauernhausMuseum Bielefeld

Dr. Lutz Volmer, Leiter des BauernhausMuseums, eröffnete die Ausstellung und Prof. Dr. Andreas Beaugrand von der Fachhochschule Bielefeld führte thematisch in sie ein.

Rumänien  ist seit 2007 EU-Mitglied. Insbesondere die Landbevölkerung  leidet nach wie vor unter großer Not. Obwohl inzwischen in einigen Regionen des Landes exportorientierte Industriebranchen Wohlstand für hochqualifizierte Arbeitskräfte bringen, nehmen sehr viele Rumänen an diesem Aufschwung nicht teil. Besonders dramatisch ist die Situation für die Landbevölkerung, von der ein Großteil in bitterer Armut lebt. Heute leben über vierzig Prozent der Rumänen unterhalb der Armutsgrenze. So gibt es in den Dörfern meist keinerlei medizinische Versorgung; Medikamente sind für den größten Teil der Bevölkerung unerschwinglich. Es mangelt z. B. an sanitären Einrichtungen und fließendem Wasser. Strom und Gas, wenn überhaupt vorhanden, sind nicht bezahlbar. Zudem stellt das „Land-Grabbingein großes Problem dar.

Hintergrundinformationen zu Rumänien sind z.B. unter folgenden Verlinkungen zu finden: Bundeszentrale für politische Bildung, Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst, focus MIGRATION. Dr. Anneli U. Gabanyi: Die rumänische Revolution von 1989.

Die in der Ausstellung präsentierten Bilder von Jochen Graetz und Huib Ruitten, von Graetz 1983 und von Ruitten 2014 während einer Rumänienreise aufgenommen,  stellen die rumänische Landbevölkerung sensibel dar.

Beide Fotografen haben Grenzen überschritten, um Teile eines Landes zu bereisen, die in den frühen 80er Jahren ebenso wie heute noch von wirtschaftlicher Entwicklung abgeschnitten sind und in denen auch Menschen leben, die keinerlei freiheitliche Grundrechte genießen können, die Sinti und Roma. Beide Fotografen standen vor einer Sprachbarriere: damals wie heute sprachen die Menschen keine einem Westeuropäer vertraute Sprache, vielleicht etwas Französisch.  Besonders an den Fotografien ist nun,  dass es den Fotografen –  als Fremde in einem Land – gelungen ist, Bilder zu erzeugen, die Freundlichkeit, Offenheit, Sympathie, vielleicht gar Stolz darauf, fotografiert zu werden, ausstrahlen. Dieses Gelingen gründet auf der „Wesenhaftigkeit des Fotografen selbst“, so Prof. Dr. Andreas Beaugrand in seiner Einführung.  In Abgrenzung von jeglichem vergegenständlichenden Voyeurismus ist in allen Bildern eine Vertrautheit sichtbar: die Menschen scheinen mit dem Fotografen eins.

Vita und Bilder von Jürgen Graetz

Vita und Bilder von Jürgen Graetz

Die schwarz-weiß Fotografien von Graetz sind ebenso wie die Farbfotografien von Rutten  Dokumentarfotografie und Sozialfotografie in einem. Die Kunst der Fotografie im Allgemeinen bestehe gerade darin, wie Beaugrand in seiner Einführung betont, sich als Fotograf mit der Kamera unsichtbar zu machen: man wisse, dass die Kamera da sei, man spüre sie aber nicht. Diese Kunst ist auch Jochen Graetz und Huib Ruitten mit ihren sensiblen Zeichnungen der Bilder gelungen, die  ausnahmslos anteilnehmendes Interesse an den sozialen und kulturellen Gegenheiten der rumänischen Landbevölkerung zeigen.

Bild einer Bäuerin von Huib Rutten

Bild einer Bäuerin von Huib Rutten

Jürgen Graetz zeigt Prof. Dr. Beaugrand seine Reiseroute

Jürgen Graetz zeigt Prof. Dr. Beaugrand seine Reiseroute

Die folgenden Informationen zu den Künstlern sind zum großen Teil den Beschriftungen aus der Ausstellung entnommen:

Jürgen Graetz stammt aus Neuglobsow (Brandenburg) und arbeitet seit 1976 freiberuflich als Fotograf.  Einen inhaltlichen Schwerpunkt seiner dokumentarischen Arbeit stellt der Mensch dar: seine Prägungen, sein Einwirken auf und sein Eingebettetsein in seine Umwelt. Es sind häufig die vermeintlich Schwachen und Ausgegrenzten, denen er ein Gesicht gibt. Die Annäherung an sie ist stets respektvoll, die Lebensumstände der Fotografierten werden nicht kommentiert, sodass sich der Betrachter der Fotografien sein eigenes Bild machen kann. Jürgen Graetz‘ Rumänienbilder entstanden 1983 während einer Reise mit seiner Familie durch das Land und bilden überwiegend das Leben der Landbevölkerung ab. Graetz bewahrt Distanz und lässt den aufgenommenen Menschen ihre Würde.

Huib Rutten kommt aus Rotterdam. Seit 1986 arbeitet er als selbstständiger Fotograf im Bereich Dokumentarfotografie. Er will in der  Fotografie nichts inszenieren. Seine Fotos im Nachhinein nicht zu bearbeiten, ist Teil seines Selbstverständnisses als Fotograf.

Vagabonzi von Huib Rutten

Vagabonzi von Huib Rutten

 

„Die Suche nach einem Moment, in dem im Hinblick auf Komposition und Geschichte des Bildes einfach alles passt, prägte auch seine Arbeit während der Reisen nach Rumänien im Jahr 2014.“ (Zitat aus der Ausstellung)

Ursprünglich reiste Rutten nach Rumänien zur Vorbereitung seines Bildbandes „vagabonzi. Straßenhunde in Rumänien „. Neben der Abbildung der Lebenssituation  der Straßenhunde führte der Aufenthalt zu einer Serie von Rumänienbildern,von denen zahlreiche in der Ausstellung gezeigt werden. Normalerweise verzichtet Huib Rutten auf  Farbigkeit in seinen Bildern. Die farbigen Abzüge in dieser Ausstellung sollen darauf aufmerksam machen, dass zwischen den Aufnahmen von Graetz und  Rutten dreißig Jahre liegen.

 

Vita und Bilder von Peter August Böckstiegel

Vita und Bilder von Peter August Böckstiegel

Die Briefe, die Peter August Böckstiegel  1917/18 aus Targoviste an Hanna Müller, die Schwester des Malers Conrad Felixmüller, schrieb, zeugen von einer glühenden Leidenschaft für die Menschen und die Landschaft, die in den in der Ausstellung gezeigten Bildern deutlich hervorscheint.

 

 

 

 

 

 

 

Übersicht über die Vorträge

DI 03.02.2015, 19:00 Uhr
Die Rolle der französischen Sprache und Kultur in Rumänien, Dr. Anneli Ute Gabanyi, Bukarest
DO 05.02.2015, 18:00 Uhr
Bäuerliche Nachbarschaft: Höfe und Burgen in Siebenbürgen, Vortrag mit Bildern von Heinz Riepshoff, Verden
DO 12.02.2015, 19:00 Uhr
Über 800 Jahre Geschichte der Siebenbürger Sachsen in Rumänien, Vortrag mit Bildern von Richard Csaki, Sibiu/Hermannstadt
DO 05.03.2015, 19:00 Uhr
„Aus den Tagebüchern 1982-1989“ und „Geschichten über Astrid“, Lesung mit Karin Gündisch, Cisnadie/Heltau
SO 08.03.2015, 13:30 Uhr
Geführte Wanderung mit Besichtigung des Böckstiegel-Hauses in Werther bis zum BauernhausMuseum Bielefeld, Treffpunkt: Werther ZOB 13:30 Uhr
Führung: Heinz-Dieter Zutz, Preis: 12 € (einschließlich Eintritt Böckstiegel-Haus)

 

Fêtes galantes – Ein französischer Liederabend in Bielefeld

Am Sonntag, 16. November 2014, lud die Deutsch-Französische Gesellschaft e. V. Bielefeld in die Aula des Ceciliengymnasiums zu dem Liederabend „Fêtes galantes“ ein. Mehr als 70 Gäste besuchten die Veranstaltung und erlebten diesen niveauvollen Ausklang eines verregneten Novembersonntages.

von links: Elena Kassmann, Edith MurasovaMit Edith Murašova/Mezzosopran und Elena Kassmann/Klavier traten zwei über die Grenzen Bielefelds hinaus bekannte renommierte Künstlerinnen mit dem ProgrammFêtes galantes“ auf.

Der schon vielfach mit seinen Bildern bei Ausstellungen in die Öffentlichkeit getretene Maler Thomas Willer hatte den Veranstaltern freundlicherweise zur Ausgestaltung des Bühnenhintergrundes einige seiner Bilder zur Verfügung gestellt, die dann auch als Vollbild-Projektion dem Bühnenbild optisch einen markanten Akzent verliehen. Auch hatte Herr Willer das Plakat zur Konzertankündigung im Vorfeld der Veranstaltung entworfen.

Diese stand im Spannungsfeld von Gesangsdarbietung und Gedichtrezitation. Alain Houdus, Vorstandsmitglied der Deutsch-Französischen Gesellschaft, brachte die von den Dichtern des französischen Symbolismus intendierte Musikalität der durch ihn im französischen Originaltext rezitierten Gedichte zum Klingen.

Ein von mir verfasstes Programmheft zur Veranstaltung beinhaltet alle gesungenen und rezitierten Texte in französischer und deutscher Sprache und führt in die Thematik des Konzertes ein. Auch hatte ich das Vergnügen, die Gäste wie auch die Künstler/-innen begrüßen und in die Veranstaltung thematisch einführen zu dürfen.

Im Mittelpunkt des Liederabends standen Liebeslieder von Gabriel Fauré, Claude Debussy, Maurice Ravel, Henri Duparc und Hugo Wolf, die von Edith Murašova vorgetragen wurden. Am Klavier begleitet wurde sie dabei von Elena Kassmann.

Das Bild von Thomas Willer, das das Veranstaltungsplakat schmückteDie vorgetragenen Liebeslieder sind Vertonungen von Gedichten von Lyrikern des französischen Symbolismus, wie z.B. Charles Baudelaire und Paul Verlaine. Hugo Wolfs Liedern liegen u.a. Gedichttexte von Eduard Mörike und Johann Wolfgang von Goethe zugrunde.

Claude Debussy sagte einmal:
„Die Musiker sind dazu ausersehen, den ganzen Zauber einer Nacht oder eines Tages, der Erde oder des Himmels einzufangen. Sie allein können ihre Atmosphäre oder ihren ewigen Pulsschlag erwecken.“

Dies ist wahr, dem sei aber im gleichen Atemzug noch hinzuzufügen: auch die Künstler des Wortes könnten die Seele tief berühren und so zum Schwingen bringen. Und dies bewirken sie auch, insbesondere, wenn es um die Liebeslyrik der Dichter des französischen Symbolismus, wie z.B. Paul Verlaine, Stéphane Mallarmé und Arthur Rimbaud geht.

Wird nun deren Lyrik von Komponisten wie Gabriel Fauré, Claude Debussy und Henri Duparc vertont, von Edith Murašovas Mezzosopran mit Leben erfüllt und von Elena Kassmanns Klavierspiel getragen, so verspricht dies einen besonderen Genuss, und dies Versprechen wurde auch durch das Konzert mehr als eingelöst.

An dieser Stelle sei noch auf die Konzertbesprechung von Frau Claudia Viotto in der Neuen Westfälischen hingewiesen.

Demjenigen, der nach der Lektüre des obigen Rückblickes bedauert, das Konzert nicht erlebt zu haben, sei hier gesagt, dass es unter dem Titel „Französischer Abend“ in leicht abgewandelter Form am Freitag, 19. Dezember  2014, um 20 Uhr in der Bielefelder Capella Hospitalis in deren Reihe „Klang der Stille“ nochmals besucht werden kann.

 

von links: Elena Kassmann, Barbara Kling, Edith Murasova, Alain Houdus

 

von links: Elena Kassmann, Edith Murasova, Alain Houdus, Barbara Kling

 

Der neue Bibliobus multimédia in Bielefeld

Endlich war es so weit. Der neue Bibliobus multimédia des Institut français Düsseldorf kam am 09. Dezember 2014 auf seiner Tour durch Nordrhein-Westfalen zum ersten Mal nach Bielefeld.

Zur Freude aller Freundinnen und Freunde  der französischen Sprache und Kultur fährt die „Mediathek auf Rädern“ ab Dezember in neuem Design eben die zehn Städte in NRW an, die der veraltete Bibliobus bereits seit Jahren mit französischsprachigen Büchern, Zeitschriften, Musik-CDs und Film-DVDs versorgt hat. Schon seit 1990 fährt der Bibliobus des Institut français Düsseldorf dank des Fördervereins „Freunde der französischen Kultur e.V.“ durch ganz Nordrhein-Westfalen und bietet Interessenten jeden Alters eine Mediathek sowie ein Informationszentrum über Frankreich an.

Harald Pilzer und Klaus-Georg Loest von der Stadtbibliothek Bielefeld, Dr. Klaus Netzer als Vertreter der Deutsch-Französischen Gesellschaft e.V. Bielefeld und ich hießen den neuen Bibliobus und seinen Betreuer, Herrn Guido Schumacher, Vorort willkommen. Das interessierte Publikum nutzte die Gelegenheit zu einem Plausch im Café der Stadtbibliothek. Auch die an der gestalterischen Entwicklung des Busses interessierten Besucherinnen und Besucher hatten dort und im Eingangsbereich der Stadtbibliothek die Möglichkeit, in einer „Dokumentationsecke“ einige Fotos der Entwurfsskizzen der Studierenden der Peter Behrens School of Architecture (PBSA) anzusehen und in einem Begleitheft zum Entwicklungsverlauf der Bibliobus-Planung zu stöbern.

Modell Bibliobus BielefeldAber nicht nur das exklusive Design der Innen- und Außenausstattung des Busses, das mit großem Engagement von den Studierenden  der PBSA/Fachhochschule Düsseldorf gestalterisch konzipiert und umgesetzt wurde, ist neu, auch die Handhabung der Ausleihe ist genauestens auf die Bedürfnisse der frankophilen Nutzerinnen und Nutzer zugeschnitten, insbesondere was die Präsentation digitaler Medien über iPad oder Projektionen betrifft.

Das neue Fahrzeug wurde vom Förderverein „Freunde der französischen Kultur e.V.“ mit großzügiger Unterstützung des Abgeordneten der französischen Nationalversammlung Pierre-Yves Le Borgn’ angeschafft. Weitere Sponsoren waren die Unternehmen Renault und Thalys International, letzteres honorierte dann auch den Einsatz der engagierten Studenten mit einer Reise nach Paris für alle am Entwicklungsprojekt Bibliobus beteiligten.

Der Bestand des Bibliobus umfasst aktuell mehr als 6.000 französischsprachige Medien aus den Bereichen Literatur, Film und Musik, die für alle Altersgruppen geeignet sind. Hinzu kommt zusätzlich der Bestand der Mediathek des Institut français Düsseldorf, auf den durch Onlinebestellung zugegriffen werden kann, so dass insgesamt etwa 30.000 Medien zur Verfügung stehen. Die Anmeldung für den Bibliobus-Service ermöglicht auch den Zugang zur Culturethèque, dem digitalen Kulturportal des Institut français Deutschland, das etwa 110.000 Bücher, 1.000 Videos, 200 Comics, 700 Audio-Inhalte und 500 Zeitschriften beherbergt.

Dr. Klaus Netzer und Jane Kreutzer im Bibliobus in BielefeldAls mobiler Botschafter Frankreichs und repräsentativer Bestandteil des Institut français kommt der Bibliobus multimédia für besondere Anlässe auch in Gemeinden oder anderen Institutionen in NRW zum Einsatz (Anfrage bitte per E-Mail an Ellen Fournier). So ist zum Beispiel der Bibliobus fester Bestandteil beim Düsseldorfer Frankreichfest oder bei der Fête de la Musique in Köln.

Fahrplan des Bibliobus (PDF)

Schön wäre es, wenn ich mit diesem Bericht Ihr Interesse an dem Angebot des Bibliobus‘ geweckt hätte, Ihre Barbara Kling